Wird die filipinische Sprache westlich?

Dr. Armin Möller, Lipa, Philippinen, 2011

1 Einleitung
2 Reihenfolge von Prädikat und Subjekt in der filipinischen Sprache
3 Statistische Untersuchung der Reihenfolge von Prädikat und Subjekt
4 Kanonische Reihenfolge
5 Nichtkanonische Reihenfolge
6 Westlicher Stil
7 ...


1 Einleitung

Viele und wichtige Arbeiten befassen sich mit dem Thema, dass die filipinische Sprache von grundsätzlicher Bedeutung für die Menschen in den Philippinen und für die Entwicklung des Landes ist. Seltener wird dargestellt, wie sich die Sprache entwickeln soll und wird. Insbesondere stellt sich hier die Frage, in wie weit sich Filipino dem Westen - und das bedeutet in erster Linie, dem Englisch der Vereinigten Staaten - annähern soll. Für den Wortschatz ist dies offensichtlich. Wer 'rainbow' statt bahaghari, 'two' statt dalawa oder 'mag-dibelop' statt mag-unlad verwendet, bezeugt, dass der filipinische Wortschatz durch englische Wörter bereichert wird.

Wir haben uns mit einer weniger auffallenden Frage zu diesem Thema beschäftigt. Wir haben untersucht, wie weit sich der filipinische Satzbau an den westlichen und damit englischen annähert. Man hat dafür den Ausdruck des "formalen" Stils (pormal na pananlita) geprägt. Vielseitig werden Meinungen zu diesem Stil geäußert und über dessen Sinn und Notwendigkeit geäußert. Wir mochten dazu keine weitere hinzufügen. Stattdessen stellen wir einige grammatische Zusammenhänge dar und untersuchen, wann dieser Stil verwendet wird und wer ihn verwendet. Dabei ist die Reihenfolge von Prädikat und Subjekt im Satz von gundsätzlicher Bedeutung. Die Untersuchungen haben wir in unserer Arbeit "Syntax der filipinischen Sprache" {*} vorgenommen, so dass wir hier einige Abschnitte wiedergeben.

{*} Möller, A., "Syntax der filipinischen Sprache", Dresden 2010, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-37909 .
On-line Ausgabe: www.germanlipa.de/filipino .
Filipinische On-line Ausgabe (in Bearbeitung): www.germanlipa.de/wika .
Unten aufgeführte Verweise beziehen sich auf diese Arbeiten.

2 Reihenfolge von Prädikat und Subjekt in der filipinischen Sprache (Abschnitt {13-2.1} der Originalarbeit)

Der filipinische Regelsatz besteht aus Prädikat und Subjekt. Beide können durch Bestimmungswörter markiert werden; das Subjekt besitzt einen besonderen Fokus. Durch unterschiedliche Positionierung dieser Phrasen besitzt die filipinische Sprache eine hohe Flexibilität im Bau der Sätze. Trotzdem gibt es einen kanonischen Satzbau, von dem in der überwiegenden Zahl der Fälle Gebrauch gemacht wird. Das Subjekt folgt nach dem Prädikat, dies bezeichnen wir als kanonische Reihenfolge (karaniwang ayos).

Die Festlegung dieser Reihenfolge als kanonisch ist sachlich gerechtfertigt (nachstehende Abschnitte {4} {5 (3)}), war jedoch längere Zeit umstritten. Es wurde und wird auch heute noch behauptet, dass ein Filipino mit viel nichtkanonischen Sätzen das bessere, gehobenere Filipino sei. Eine Anzahl Texte der Schriftsprache wurde analysiert in unserer Studie 'Statistische Untersuchung der Reihenfolge von Prädikat und Subjekt' {3}. Zunächst zeigt die Studie, dass es offenbar keine grammatische Notwendigkeit gibt, die nichtkanonische Reihenfolge gehäuft zu verwenden. Andererseits kann die nichtkanonische Reihenfolge dienen, Sätze besser und übersichtlicher zu gestalten {5 [2-4]}. In der weitaus überwiegenden Zahl der Fälle steht jedoch dem Autor die Wahl zwischen kanonischer und nichtkanonischer Reihenfolge frei. Einige Autoren verzichten auf dieses Stilmittel, andere setzen es gezielt in ihren Texten ein. Eine Besonderheit ist der "westliche Stil", in dem nichtkanonische Reihenfolge als gleichwertig oder bevorzugt betrachtet wird {6}.


3 Statistische Untersuchung der Reihenfolge von Prädikat und Subjekt (Abschnitt {13A-211} der Originalarbeit)

In einer Studie haben wir die Reihenfolge von Prädikat und Subjekt in filipinischen Texten der Schriftsprache untersucht (etwa 1000 Teilsätze {W Stat P-S}). Die betrachteten Texte werden in drei Gruppen eingeteilt, die Prozentzahlen beziehen sich auf die Gesamtzahl der Sätze, die Phrasen als Prädikat und Subkjekt besitzen.

TextgruppeKanonisch (PS) Nichtkanonisch (SYP)

Erzähltexte82 % - 100 %0 % - 18 %
Akademisch49 % - 96 %4 % - 51 %
Schulorientiert20 % - 76 %24 % - 80 %

Nicht nur die Unterschiede zwischen den drei Gruppen, sondern insbesondere die großen Unterschiede innerhalb der Gruppen sind auffallend. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass diese Zahlen weniger durch grammatikalische Sachzwänge beeinflußt werden, vielmehr hat der Autor eine sehr weit gehende Wahlfreiheit. Wir können also hier von unterschiedlichen Stilen sprechen. Deshalb bietet sich folgende Einteilung an:

StilgruppeKanonisch (PS) Nichtkanonisch (SYP)

Gemeiner filipinischer StilMehr als 85 %Bis zu 15 %
Sonderstil in einem Teil des Textes75 % - 90 %10 % - 25 %
Westlicher StilWeniger als 75 %Mehr als 25 %

Der gemeine filipinische Stil mit wenigen nichtkanonischen Sätzen findet sich in Erzähltexten, sofern nicht der Autor bewusst in Teilen seines Werkes einen besonderen Stil wählt.

Demgegenüber steht der von uns als westlicher Stil bezeichnete Stil. In philippinischen Arbeiten wird diese Bezeichnung nicht verwendet, stattdessen wird von "formalem" oder "offiziellem" Stil gesprochen {6}. In Erzähltexten findet sich dieser Stil nicht, wenn man von übersetzten Texten absieht, die den europäischen Satzbau beibehalten. Wie zwei akademische Texte zeigen, ist der westliche Stil nicht zwingend, um wissenschaftliche Sachverhalte in Filipino darzustellen. Trotzdem findet sich der westliche Stil häufig in akademischen Arbeiten, was bei der US-amerikanischen Ausrichtung der philippinischen Wissenschaft nicht erstaunlich ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass schulorientierte Texte nahezu ausschließlich im westlichen Stil abgefasst werden. Ebenso bemerkenswert ist jedoch, dass bei Beispielsätzen in Arbeiten, die in einem stark westlichen Stil abgefasst sind, der gemeine filipinische Stil vorherrscht.


4 Kanonische Reihenfolge (Abschnitt {13-2.1.1} der Originalarbeit)

(1) Die kanonische Reihenfolge von Prädikat und Subjekt wird in der filipinischen Sprache am häufigsten angewandt. Das Prädikat (genauer gesagt: das Kernwort des Prädikates) steht vor dem Subjekt [1] und erhält sein Bestimmungswort ay nur dann, wenn es nicht am Satzanfang steht und einer Markierung bedarf [2] {2-2.1 (2)}. In kanonischer Reihenfolge kann das Prädikat gespalten werden, wenn das Subjekt zwischen die Teile des Prädikates geschoben wird [2] {13-2.1.3}.

 
[1]Kumain ng kanin ang bata. Das Kind aß den Reis.{C-1/PS}
[2]Pagkagising ay kumain siyạ ng almusạl. Nach dem Aufwachen hat er gefrühstückt. {C-1/YPSP}
Fettdruck = Prädikat.

(2) {Θ} Eine Begründung für die kanonische Reihenfolge kann gefunden werden, wenn man die häufig gebildeten Sätze mit Verben als Prädikat betrachtet. Dort besitzt das Verb eine globale Rolle {2-4.3}. Es bestimmt die semantische Funktion von Subjekt, Komplement(en) und Adjunkt im Satz. Daher ist es logisch naheliegend, den Satz mit dem Verb zu beginnen, um für Hörer oder Leser von Beginn an Klarheit über die semantische Aussage zu schaffen. Weiterhin ist es naheliegend, dem Verb die syntaktische Funktion des Prädikates zuzuweisen. Um eine gewisse Spannung zu schaffen und den Satz als Ganzes zusammenzuhalten, kann man das fokustragende Subjekt an das Ende des Satzes setzen (der Vergleich zur deutschen Satzklammer liegt nahe).

Durch den Tausch von Prädikat und Subjekt {2-2.3} kann der PS-Satz abgewandelt werden, ohne das PS-Prinzip anzutasten. Das vormals fokustragenden Subjekt wird als Prädikat an den wichtigen Satzanfang gestellt, während das Verb Subjekt wird, sein Fokus gleicht teilweise den Verlust des Platzes am Satzanfang aus. Komplement(e) und Adjunkte folgen, der Satz ist am Ende "offen".

Das Ergebnis ist, dass der PS-Satz als logisch sinnvoll in der filipinischen Sprache betrachtet werden kann. Innerhalb dieses Prinzipes ist eine hohe Flexibilitität möglich.


5 Nichtkanonische Reihenfolge (Abschnitt {13-2.1.2} der Originalarbeit)

(1) Bei nichtkanonischer Reihenfolge (di-kararaniwang ayos) steht das Subjekt vor dem Prädikat. Regelmäßig wird dann das Bestimmungswort ay vor das Prädikat gesetzt [1].

(2) In Texten mit wenig Sätzen in nichtkanonischer Reihenfolge liegen in der Regel Gründe vor, diesen Satzbau zu wählen {W Stat P-S 3.1}.

 
[1]Si Mameng ay sumusulat. { Lopez 1941 p. 38} Mameng schreibt. {C-1/SYP}
[2]Si Lino ay nakapantalọn ng kaki at nakabaro ng polo na may matutuwịd na guhit na bughạw. {W Daluyong 4.1} Lino trug lange Hosen aus Khaki und ein Polohemd mit blauen Streigfen.{C-1/SYP}
[3]Sa aming pagkakaalạm, itọ'y kauna-unahang pagtatangk ... {W Tiongson 4.1} Unseres Wissens ist dies das erste Vorhaben, ...{C-1/SYP}
[4]Naratnạn ni Lino na si Bidong ay tahimik na nakaup sa hulịng baytạng ng hagdạn ng kubo. {W Daluyong 15.02} Lino war gerührt, als Bidong still auf der letzten Stufe der Treppe des Hauses saß. (Ein kanonischer Ligatursatz wäre missverständlich. Naratnan ni Lino na tahimik nakauupo... könnte als 'der ruhig sitzende Lino' verstanden werden.){C-L/SYP}
[5]Palatanọng kasị si Joe at si Nimfa namạ'y naghahanap nang makakausap ukol sa kanyạng mga sinusulat. Weil Joe und Nimfa wirklich neugierig waren, suchen sie das Gespräch über das, was sie (Nimfa) schreibt. {13A-5213 Σ} {.. C-S/SYP}
[6]Wal siyạng kaimịk-imịk habang akọ'y nagsasalit. Er sagte nichts, während ich sprach.{C-C/S/SYP}
Fettdruck = Prädikat (bzw. dessen Kernwort).

(3) Nicht alle Arten von Regelsätzen werden in nichtkanonischer Reihenfolge gebildet (obwohl eine solche Bildung nicht immer ungrammatikalisch ist {13A-2122}). Dazu gehören

(4) Die nichtkanonische Reihenfolge kann als besonderes Stilmittel verwendet werden {W Stat P-S 3.1 "Daluyong"}. Im "westlichen Stil" wird sie auch in einfachen Sätzen als Regelfolge verwendet [1] {13-6.1}. In der Umgangssprache sind Sätze in nichtkanonischer Reihenfolge selten.

(5) {Θ} Die nichtkanonische Reihenfolge ist geeignet für den sachlichen, erklärenden Satz, bei dem Subjekt und Prädikat beides Nomina sind. Der daraus folgende Satzbau wird deutlich bei { Lopez 1940} dargelegt, so dass wir hier dessen Gedankengängen folgen und zitieren (p. 117):

'Arrangement of thoughts.Syntaxis.
'Arrangement of a simple thought into a known (subject) and an unknown (predicate).Simple sentence, optional word-order, normal, Subject - Predicate, in between the particle ay, after a vowel 'y (equalizing sentence).'

Aus dem Vorstehenden folgt, dass dieses Prinzip den Nomina als Subjekt und Prädikat eine besondere Bedeutung zumisst, während Verben eine untergeordnete Rolle spielen. Eine statistische Betrachtung zeigt, dass dieses Prinzip in der filipinischen Sprache nur von untergeordeneter Bedeutung ist {3}.


6 Westlicher Stil (Abschnitt {13-6.1} der Originalarbeit)

Die filipinische Syntax besitzt eine hohe Flexibilität in der Wahl des Satzbaues. Im westlichen Stil (pananalitạng kanluranịn, pananalitạng pormạl) wird diese Flexibilität verwendet, um die Syntax weitgehend an die von europäischen Sprachen anzupassen. Vorbild war früher die spanische Sprache, heute ist es die englische Sprache. Der westliche Stil zeichnet sich durch Folgendes aus (Beispiele in {13A-611}):

Der westliche Stil hat eine lange Tradition in den Philippinen. Bereits das erste in den Philippininen gedruckte Buch { DC 1593} zeigt Elemente dieses Stiles, und noch bei Lopez { Lopez 1941} wird in den Beispielsätzen regelmäßig die nichtkanonische Reihenfolge von Prädikat und Subjekt verwendet {13A-611 [3]}. Der westliche Stil findet sich nahezu regelmäßig in aus europäischen Sprachen übersetzten Texten. In Schulbüchern wird er häufig verwendet, insbesondere in Beispielsätzen. Den Schülern soll so der Eindruck vermittelt werden, dass dieser westliche Stil das "richtige, gute" Filipino ist, dass bei "formalen Anlässen" (pormạl na pagkakataọn) zu verwenden sei {13A-612 }. So erklärt sich seine Anwendung in offiziellen Texten. Von akademischen Texten abgesehen, kommt der westliche Stil in der außerschulischen Schriftsprache und in der gesprochenen Sprache so gut wie nicht vor. Häufig wird suggeriert, dass der westliche Stil erforderlich sei, um moderne Sachtexte darzustellen. Ein Gegenbeweis ist ein akademischer Text von E. Q. Javier { Javier 2001}. Eine besonders gute Übersetzung ohne jegliche Elemente des westlichen Stils hat { Ching 1991} vorgenommen ('Le petit prince' von A. de Saint-Exupery).

Im westlichen Stil werden die Sätze regelmäßig in einer Form gebildet, die in der Standardsprache selten ist. Damit entwertet dieser Stil diese seltenen Formen als besonderes Stilelement. Die Besonderheit dieser Formen geht verloren, die gesamte Breite der Ausdrucksmöglichkeiten wird verengt, die stilistische Farbigkeit der filipinischen Sprache geht verloren.



Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/text/unt_kanluran.htm   2009 / 08. März 2011

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