Bestechung als Wirtschaftszweig in Entwicklungsländern

Von Werner Kottmann

Warum gibt es Bestechung?
Der potenzielle Markt im Bestechungsgewerbe
Der Bestechungsmarkt: Komplizierte Regeln
Der Bestechungsmarkt: Vorteile aus der Verletzung der Regeln
Der Personenkult
Indirekte Bestechung
Was ist eigentlich falsch an Bestechung?
Bestechung ist wachstumshemmend
Bestechung verhindert gesellschaftliche Entwicklung
Wie man Bestechung nicht bekämpfen kann

Regelmäßig wird über Bestechung als eine der Hauptursachen für die Armut in der Dritten Welt hingewiesen. Da ich einige Jahre in einem solchen Land gelebt habe, möchte ich meine Gedanken zu diesem Thema hier aufzeichnen.

In den Industrieländern ist Bestechung und Bestechlichkeit ein Verhalten, das das System wirtschaftlich und moralisch stört. Deshalb wird Bestechung streng bestraft und in der Regel gesellschaftlich geächtet. Bestechung ist also die Ausnahme, mit der sich der "Der Spiegel", die Polizei, die Gerichte und manchmal ein Untersuchungsausschuss befassen.

In vielen Entwicklungsländern ist Bestechung ein ungeheuer wichtiger Wirtschaftszweig, Bestechung ist ein Grundpfeiler des öffentlichen Lebens. Es würde hier zu weit führen, die Hunderte von Beispielen aufzuführen, denen man täglich begegnen kann (und einigen der Beteiligten wäre es möglicherweise nicht recht, ihren guten und sauberen Namen in diesem Zusammenhang erwähnt zu sehen). Stattdessen wollen wir betrachten, wie dieser Wirtschaftszweig organisiert ist. Dabei soll versucht werden, möglicht wertfrei vorzugehen und das Phänomen der Bestechung nach den Gesetzen der Marktwirtschaft zu studieren, ohne irgend eine moralische Wertung vorzunehmen.


Warum gibt es Bestechung?

In den Industrieländern ist die Antwort einfach. Es gibt immer eine Anzahl Menschen, die sich außerhalb der bestehenden Ordnung bewegen, und so gibt es Bestechung ebenso wie Betrug, Diebstahl und Mord.

Die Antwort in vielen Entwicklungsländern ist anders. Bestechung ist hier ein Wirtschaftszweig, der sich nach den Gesetzen der Marktwirtschaft verhält. Bestechung ist einträglich und erfolgreich, gibt vielen Menschen Brot (und einigen viel mehr als Brot). Es ist das gleiche wie mit Zigaretten, die vermarktet werden, weil das erfolgreich ist und nicht weil jemand Zigaretten so dringend braucht oder weil Rauchen so gesund ist. Und wie die Zigarettenindustrie sind auch die im Bestechungsgewerbe Tätigen bestrebt, ihr Geschäft zu sichern und auszubauen. Und weil das viele und viele einflussreiche Menschen sind, hat das Bestechungsgewerbe eine starke Lobby.

Verständlicherweise ist es schwierig, verlässliche Zahlen über den Gesamtumsatz des Bestechungsgewerbes zu erlangen. Fachleute schätzen, dass in einigen Ländern bis zu 25 % des Sozialproduktes durch Bestechung beeinflusst werden.


Der potenzielle Markt im Bestechungsgewerbe

Wo ist der potenzielle Markt für Bestechung? Wo kann Bestechung vorkommen?

Bestechung ist an eine Anzahl Bedingungen geknüpft:
Es muss Regeln geben, deren Verletzung dem Täter einen Vorteil bringt. Weiterhin muss jemand da sein, der die Einhaltung der Regeln überwacht und Einhaltung erzwingen oder Nichteinhaltung tolerieren kann. Der Täter muss dann bereit sein, einen Teil seines Vorteils an den Überwacher abzutreten. Der Überwacher muss schließlich bereit sein, diesen Teil des Vorteiles anzunehmen und im Gegenzuge die Nichteinhalung der Regel zu tolerieren. Dann kann die Bestechung erfolgen.
Im Bestechungsmarkt ist der Täter der zahlende Kunde, der vom Anbieter (dem Überwacher) die Dienstleistung unerlaubter Vorteil erhält.

Eine Anmerkung: Bestechung ist keineswegs auf den öffentlichen Sektor beschränkt. Sie ist immer dann möglich, wenn der Überwacher den Nachteil nicht selbst zu tragen hat. Man kann einen Angestellten bestechen, aber nicht den Alleininhaber einer Firma.

Das klingt sehr kompliziert und akademisch. Dazu ist es schwierig, einfache Beispiele auf einer deutschen Webseite anzuführen, wenn in der Umgebung des Verfassers Bestechung etwas Normales ist und in der Umgebung des Lesers etwas Außergewöhnliches aus dem Reich des Kriminellen. Daher mögen die Beispiele etwas primitiv sein. Wir wollen dem Leser entgegenkommen und beginnen, wo und wann es in Deutschland keine Bestechung geben kann:

Um das Bestechungsgeschäft erfolgreich betreiben zu können, müssen Bedingungen vorhanden sein, die das Gegenteil der Beispiele der Nicht-Bestechung sind. Wie kann man nun den Markt für Bestechung vergrößern?


Der Bestechungsmarkt: Komplizierte Regeln

Beginnen wir mit den Regeln. Bestechung ist nur möglich, wenn Regeln verletzt werden. Klare, leichtverständliche Regeln laden zur Befolgung ein. Um Bestechung zu fördern, müssen viele komplizierte, undurchschaubare Regeln vohanden sein. Die Regeln werden nicht gemacht, um sie zu befolgen, sondern sie zu verletzten. Am besten ist es, wenn Regeln, Gesetze, Verordnungen sich wiedersprechen, oft geändert werden. Am Ende entsteht eine Situation, in der keiner noch etwas tun kann, ohne mindestens eine der vielen Regeln zu verletzen. Jeder ist zum potenziellen Kunden auf dem Bestechungsmarkt geworden.

Ich entnehme die meisten meiner Beispiele dem Straßenverkehr, weil dieser Bereich sich in voller Öffentlichkeit abspielt und am wenigsten sensitiv ist. Das ist keine Aussage darüber, wie bedeutend dieser Teilbereich für das angesprochene Thema ist.
In den Philippinen werden Gesetze und Verordnungen in Englisch abgefasst, was von den meisten potenziellen Tätern und Überwachern nicht verstanden wird. Ich kenne niemanden hier, der ein leichtverständliches Büchlein mit Verkehrsregeln besitzt. Ich habe ein solches auch noch in keiner Buchhandlung entdeckt.
In den Philippinen werden nicht die internationalen eindeutigen Verkehrszeichen verwendet. Stattdessen findet man handgemalte Schilder, die sich von Reklameschildern der Geschäfte oft nur durch schlechtere Qualität unterscheiden. Oft sind diese Schilder besonders versteckt aufgestellt. Ihabe am Beginn einer Einbahnstraße ein richtiges Schild (blauer Grund mit weißem Pfeil "One Way") gesehen, das aber in die falsche Richtung zeigt.
In den Philippinen werden die Pfähle der meisten Verkehrsschilder nicht fest im Boden verankert, sondern auf alte Autofelgen geschweißt, damit man sie nach Belieben umstellen kann.

Der Bestechungsmarkt: Vorteile aus der Verletzung der Regeln

Es ist offensichtlich, dass die Verletzung bestimmter Regeln Vorteile bringt. Wenn ich eine Ampel bei Rot überfahre, bin ich schneller am Ziel und habe vielleicht ein Gefühl der Überlegenheit über die Allmacht von Staat und Technik.

In Europa lohnt sich Schmuggel nur noch bei Zigaretten und illegalen Importen und Exporten. Die normalen niedrigen Zollsätze und die schnelle unbürokratische Zollabfertigung machen die meisten Im- und Exporteure ehrlich. In einem Entwicklungsland, in dem 30 % Zoll und dann noch 10 % Mehrwertsteuer erhoben werden, besteht natürlich ein ungeheurer Anreiz, durch Falschdeklaration und Bestechung die Abgabenlast zu beschränken. Außerdem kann man viel Zeit sparen, da eine normale Einfuhr zwischen drei Tagen und drei Wochen dauert. In den Philippinen sind die Einfuhren für die Exportindustrie zollfrei, deshalb geht deren Abwicklung innerhalb einiger Stunden vor sich.

Nun gibt es viele Fälle, wo eine Regelverletzung keine oder nur sehr geringe Vorteile bringt. Dann muss die Sache umgekehrt werden, um trotzdem Bestechung zu ermöglichen. Die Befolgung der Regel muss so viele Nachteile bringen, dass ein potenzieller Bestechungsfall geschaffen wird.

In Deutschland zahlt man seinen Strafzettel mit Banküberweisung oder heute im Internet. In den Philippinen muss man nach einer Verkehrsübertretung dem Polizisten gegen eine Quittung den Führerschein aushändigen, den man sich dann zurückholen kann, wenn man bei einem manchmal 50 km entfernten Behörde seine Strafe bezahlt.
In den Philippinen hat jeder Betrieb - auch der kleinste mit nur einem Teilzeitangestellten - jeden Monat drei große Formulare auszufüllen für Lohnsteuer und Sozialversicherung, drei Schecks auszustellen und die dann zu einer bestimmten Bank zu bringen (im allgemeinen nicht zur eigenen), wo er an den Stichtagen stundenlang warten muss.
In den Philippinen sind die meisten Behördenvorgänge sehr langsam und kompliziert. Natürlich geht es auch anders, wenn man eine "Express lane" mit Zusatzzahlung wählt, die meist von einem "Fixer" (der mit Rauschgift nichts zu tun hat!) betreut wird. Die Zusatzkosten dienen zur Bezahlung von Überstunden, die bei eingen Beamten ein erhebliches Ausmaß erreichen können.
In den Philippinen besteht eine Vorschrift, dass man mit den Mehrwertsteuererklärungen eine Liste aller Einkäufe mit Vorsteuerabzug einrecht. Kaum jemand befolgt diese Vorschrift.

Personenkult und Untertanengeist

Wie in jeder Branche, muss der Anbieter im Bestechungsmarkt seinen potenziellen Kunden attraktive Angebote machen. Der wichtigste Punkt ist hier der Preis. Die Bestechungssumme muss erheblich niedriger als der Vorteil oder Nachteil beim Kunden sein. Wie in anderen Bereichen spielen jedoch auch andere Dinge eine Rolle, ein Angebot attraktiv zu machen.

Kompetenz und Glaubwürdigkeit des Anbieters sind Voraussetzung eines jeden Geschäftes, so auch im Bestechungsgewerbe. Kompetenz bedeutet, dass der Bestochene auch wirklich die Kompetenz hat, die Übertretung der verletzten Regeln folgenlos zu tolerieren. Glaubwürdigkeit bedeutet, dass mit der Zahlung der Fall für den Kunden auch wirklich erledigt ist.

In den Philippinen tragen die meisten Verkehrspolizisten sichtbar ihren Quittungsblock, der sie befugt, Führerscheine einzubehalten. Hilfspolizisten ohne Block haben diese Befugnis nicht.

In vielen Fällen ist der Bestochene auf einem der unteren Niveaus der Hierarchie angestellt, vielleicht einem Verkaufsverteter im Außendienst vergleichbar. Er hat dann dem Kunden nachzuweisen, dass er Geschäfte tätigen darf. Das ist im Bestechungsgewerbe nicht anders. Und wie in anderen Branchen nicht nur der Handelsvertreter, sondern auch der Verkaufleiter und der Vertriebsvorstand einen Bonus erhalten, gilt auch im Bestechungsgewerbe, dass Vorgesetzte anteilig am Geschäft beteiligt sind.

Glaubwürdigkeit im normalen Geschäftsleben entsteht durch guten Ruf. Ein sichtbares Zeichen ist, dass man schon seit vielen Jahren im Geschäft ist und gute Stammkunden hat. Das ist im Bestechungsgewerbe nicht anders. Das einzige Problem ist, dass im Bestechungsgewerbe offene Werbung meist nicht möglich ist. In anderen Bereichen wird neben Produktwerbung auch Imagewerbung betrieben. Im Bestechungsgewerbe ist Imagewerbung sehr wichtig, da Produktwerbung meist nicht möglich ist.

Ziel der Imagewerbung ist, den Anbieter in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, seine Bedeutung und Verantwortlichkeit zu unterstreichen. Der Personenkult dient dieser Aufgabe.

In den Philippinen führen höhere Beamte und Abgeordnete den Titel Honorable = Euer Ehren. Als Absender eines Briefes vom Bügermeisteramt liest man also Hon. Mayor X. Y..
In den Philippinen kann man überall auf großen Tafeln lesen, dass Straßen nicht vom Straßenbauamt gebaut werden, sondern von dem Hon. Rep. X. Y., dem Abgeordneten, der dem Haushaltsgesetz zugestimmt hat.
In den Philippinen werden viele Projekte von vielen bedeutenden Menschen unterstützt. In extremen Fällen bestehet die Unterstützung allein darin, um die Farbe zur Verfügung zu stellen, mit der der Name des Stifters gemalt wird.

Geradezu gefährlich für die Bestechungsindustrie ist, dass die Anbieter als "normale" Menschen gesehen werden, deren Dienste man eigentlich nicht nötig hat. Ein selbstbewusster Bürger wird einen Beamten nicht bestechen wollen, wenn dieser verhindern will, dass sein Anliegen ohne Bestechung verzögert werden soll. Bestechung gedeiht, wenn der Beamte nicht als "public servant", sondern als Herr und der Bürger als bittstellender Untertan auftritt, der sich leider in den komplizierten Gesetzen nicht auskennt ist und daher auf die Gnade der Herren (und Damen) "Honerable" (s.o.) angewiesen ist. Es ist ähnlich wir bei der Zigarettenindustrie, wo die Gefärlichkeit des Rauchens der Selbsterhaltung willen ständig heruntergespielt werden muss. So muss die Bestechungsindustrie ihre Kunden zu Untertanen machen und erziehen.


Die indirekte Bestechung

Im allgemeinen denkt man bei Bestechung an Geld, das unter dem Tisch den Besitzer wechselt, wenn etwas geschieht oder nicht geschieht. In korrupten Ländern gibt es aber ein weiteres Feld von Aktivitäten, das wir als indirekte Bestechung bezeichnen möchten. Hier besteht die Vorteilsnahme darin, dass Strukturen und Verwaltungen aufgebaut werden, die nicht ihrem eigentlichen Zweck dienen, sondern zum privaten Nutzen derer, die an der Spitze sitzen.

Der private Nutzen kann sehr unterschiedlich sein. Im Allgemeinen wird er dazu dienen, die Verantwortlichen in Amt und Würden zu erhalten. In korrupten Diktaturen wird dazu ein umfangreicher und schlagkräftiger Militär- und Polizeiapparat aufgebaut, der eine Menge Geld verschlingt. Dafür ist dieser Apparat relativ effizient aufgebaut und deutlich sichtbar. Im demokratischen Ausland erregt er meist Aufsehen und öffentliche Abneigung. Im Inland kann die Effizienz diese Apparates möglicherweise positiven Einfluss auf die Effizienz von Infrastruktur und Privatwirtschaft haben.

In korrupten Demokratien liegen die Dinge etwas komplizierer. Zum Machterhalt braucht man neben Geld Wähler und Wahlhelfer. Dazu schafft man riesige staatlich beherrschte Bürokratien, deren einziger Nutzen darin besteht, dass sie da sind und möglichst vielen Menschen Brot und Arbeit besorgen. Dazu mag kommen, dass diese Organisationen auch Dinge einkaufen, wobei man auf die Wahl der Lieferanten Einfluss nehmen kann. Den Lieferanten kann man dann gute Gewinne zukommen lassen und dort wieder vielen Menschen Brot und Arbeit besorgen. Solche Bürokratien sind ganz normal organisiert, es geht in ihnen ganz normal zu und sie erregen keinerlei Anstoß. Das Einzige ist, dass ungeheure wirtschaftliche Resourcen im Nichts verschwinden und dass ein allgemeines Klima der Ineffizienz begünstigt wird. Dazu zwei bescheidene Beispiele:

Eine Autobahn führt von Manila nach Süden. Die ersten 50 km sind seit langer Zeit fertiggestellt. Von den noch fehlenden 60 km nach Batangas ist seit einigen Jahren ein 20 km langes Teilstück in der Mitte in Betrieb, die restlichen 10 bzw. 30 km fehlen. Deshalb wird die Autobahn bisher nicht stark genutzt. Zur Betreibung dieser 20 km langen gebührenpflichtigen Autobahn wurde eine eigene Gesellschaft errichtet. Vermutlich hat diese Firma etwa 150 Mitarbeiter und eine entsprechend umfangreiche Geschäftsleitung. So gibt es z.B. einen leitenden Mitarbeiter, der für Sicherheit (vermutlich Verkehrssicherheit und Sicherheit, dass der einkassierte Maut nicht gestohlen wird) verantwortlich ist. Der Inhaber dieses Posten kann sich ein Einfamilienhaus in einer besseren Wohngegend leisten. Andererseits wird von dem Maut nicht viel übrig bleiben, um die beim Bau aufgenommenen Schulden zurückzuzahlen oder gar neue Mittel zum Weiterbau zu beschaffen.
In einer philippinischen Mittelstadt wird die Stromversorgung durch eine Genossenschaft vorgenommen, an der vermutlich Stadt, umliegende Gemeinden und die Provinz beteiligt sind. So sind deren Vertreter im Vorstand. Die Stromversorgung zeichnet sich durch Nichtversorgung aus: Stromunterbrechungen von ein bis drei Sekunden (genug, dass Computer abstürzen) ereignen sich täglich. Dann gibt es manchmal bis zu 30 Stunden keinen Strom. Auch kann für Stunden eine Phase fehlen, oder man hat 170 V statt 230 V. Andererseits befinden sich auf der monatlichen Stromrechnung (für etwa 1600 kWh) acht Unterschriften, alle fein handschriftlich: Neben zwei Sachbearbeitern, die nur abzeichnen dürfen, die vollen Unterschriften von Managern.

Hier eine Bemerkung über Entwicklungspolitik: Nun wird von wohlmeinenden internationalen Institutionen (wie Welt- und anderen Banken) die Ineffizienz dieser Bürokratien erkannt und Privatisierung oder andere Reorganisationen vorgeschlagen. Aus den oben dargelegten Gründen schlagen diese Bemühungen meist fehl. Die wohlmeinenden Institutionen glauben häufig, dass diese Fehlschläge durch Unwissenheit und Unfähigkeit verursacht werden. Dann senden sie größere Beraterteams aus, die genauso ineffizient sind (dafür aber viel besser bezahlt werden).

Eine besondere Variante ist das Schuldenmachen. Diese aufgeblähten Bürokratien neigen zum Schuldenmachen. Das hat zwei Vorteile: Man kann das geborgte Geld ausgeben. Aber was viel wichtiger ist, hohe Schulden sind ein Schutz vor Abschaffung oder Privatisierung, weil sich dann die beinahe unlösbare Frage der Schuldenübernahme stellt. Auch hier ein Beispiel:

Die staatliche nationale Stromversorgungs-Firma eines Entwicklungslandes ist hoch verschuldet. Ihre Anlagen sind veraltet. Daher ist Privatisierung kaum möglich, darüber geredet und verhandelt wird seit mindestens 15 Jahren. Andererseits sind die Strompreise extrem hoch. Da hat jetzt die Regierung eingegriffen, und eine Strompreissenkung erzwungen. Da kein Geld eingespart wird, werden irgendwo neue Schulden gemacht. Auf die Idee, eines der unwirtschaftlichsten (und umweltschädlichsten) staatlichen Kraftwerke stillzulegen und stattdessen den Strom aus einem bereits fertiggestellten modernen privaten Kraftwerk zu beziehen, ist niemand gekommen. Die Ausrede ist, dass Transportleitungen fehlen. Die Strompreissenkung hat die Regierung populär gemacht und die Privatisierung weiter erschwert.

Was ist eigentlich falsch an Bestechung?

Da wir Bestechung hier als Wirtschaftszweig betrachten, können wir nicht sagen, dass Bestechung schlecht oder unmoralisch ist. Was wir zu betrachten haben, ist der Beitrag des Bestechungsgewerbes zur volkswirtschaftlichen Leistung. Diese Frage gewinnt an Bedeutung in den Ländern, wo bis zu 25 % des Sozialproduktes durch Bestechung beeinflusst werden.

Auf den ersten Blick ist Bestechung sozialprodukt-neutral (diese Meinung wird auch von seriösen Volkswirten vertreten). Wo ist der Unterschied zwischen einem unterbezahlten Finanzbeamten mit einigen Direkteinnahmen und einem Beamten, der aus voll eingetriebenen Steuern gut bezahlt wird? Dazu kommt, die die Tüchtigsten im Bestechungsgewerbe die höchsten Einkünfte beziehen, was unserem kapitalistischem Gewinndenken in anderen Branchen voll entspricht.

Ein andererer Gesichtspunkt ist, dass das Phänomen der Bestechung bestimmte Berufe attraktiver macht und damit Talente um- und möglicherweise fehlleitet. Ohne Zweifel ist in vielen Ländern der Posten eines Finanz- oder Zollbeamten ungemein attraktiver als der eines vergleichbaren Standesbeamten. Aber das ist in einer kaptalistischen Wirtschaft genau so. In Zeiten eines Grundstücksbooms werden talentierte Geschäftsleute Grundstücksmakler, in Zeiten der Internetz-Euphorie gehen sie in die "New economy".

In bürokratischen Systemen wird viel Zeit und Geld für die Erfüllung der bürokratischen Anforderungen verwendet. Auf den ersten Blick ist das wieder sozialprodukt-neutral. Ob ich mein Geld für ein Reklameschild ausgebe oder für lange Listen für das Finanzamt, ist unerheblich für die Volkswirtschaft, solange dadurch keine Wettbewerbsverzerrungen eintreten.


Bestechung ist wachstumshemmend

Warenimport ist ein dankbarerer Markt für Bestechung als inländische Leistungserbringung. Beim Warenimport hat man nur an der richtigen Stelle der Zollverwaltung zu sitzen, um erfolgreich zu sein. Zur Leistungserbringung als Unternehmer benötigt man Kenntnisse, Fleiß und Ausdauer. Man ist weniger geneigt, die Früchte saurer Arbeit mit korrupten Beamten zu teilen. Daher wird die Bestechungsindustrie sicher keine Beiträge leisten, um den Aufbau eines inländischen warenproduzierenden Gewerbes zu fördern. Im Gegenteil wird dadurch erreicht, dass möglichst viele Fertigprodukte eingeführt werden. Dies geschieht naturgemäß vorwiegend durch multinationale Gesellschaften, die auch im Vertriebsbereich den lokal zugefügten Wert durch Lizenzzahlungen usw. an das Ausland verringern.

In den Philippinen kommt es immer wieder vor, dass die Zollsätze für Vorprodukte höher sind als für die Endprodukte. Daher rechnet es sich für multinationale Firmen nicht, kleinere lokale Fertigungsstandorte aufzubauen oder zu erhalten. Man wandert mit Produktion ab in effizientere Länder und läßt möglichst kleine Vertiebsgesellschften in Inland zurück, deren Wertschöpfung nur noch in der Erhaltung des Marktanteiles liegt.

Ein interessanter Nebeneffekt ist, das beinahe jedes Land mit starkem Bestechungsgewerbe spezielle Zonen schaft, in denen Exporteure unter begünstigten Bedingungen arbeiten können. Der Gedanke ist, dass Exportindustrien notwendig sind, diese aber die ineffeziente und bestechliche Umgebung nicht akzeptieren. Daher werden sie in speziellen Exportzonen eingezäunt. Dort werden beinahe keine Steuern und Gebühren erhoben und alle eingeführten Güter sind zollfrei. Daher sind diese Zonen kein Markt für Steuer- und Zollbestechung. Die Firmen in den Zonen sparen nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit, da es keine Beamten gibt, die bewusst Dinge verzögern.
Die Bestechungsindustrie kommt dann doch auf ihre Kosten. Erstens durch Schmuggel aus diesen Zonen. Dazu kommt, dass Bau und Betrieb solcher Zonen wieder neue Privilegien sind, an deren Vergabe man sich beteiligen kann.

Wenn also ein multinationales Unternehmen seine Produktion in Ausland verlagert, verläßt es häufig ein korruptes Land, um sich in einer nicht-korrupten Enklave eines anderen korrupten Landes anzusiedeln. Mittelständischen Firmen stehen solche Wege nicht offen, sie werden unweigerlich zerstört.

Existenzgründungen werden in korrupten Ländern erschwert und beinahe unmöglich gemacht. Das System lässt allerdings das Entstehen von quasi illegalalen Minibetrieben in großer Zahl zu. Oft werden diese noch von Regierungsstellen als sogenannte "Livelihood"-Projekte unterstützt.

An einer befahrenen Straße halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Fahrbahn, werden eine Anzahl Bretterbuden aufgestellt, die dann an Mini-Gewerbetreibende kostenlos zur Verfügung gesetllt werden. Damit wird dem normalen Gewerbe unlautere Konkurrenz vor die Tür (häfig im wahrsten Sinne des Wortes) gesetzt. Die Minibetriebe sind nicht lebensfähig und verschwinden vom Markt, wie sie gekommen sind. Es verwundert nicht, dass diese "Livelihood"-Projekte sich in Vorwahlzeiten häufen.

Wenn jedoch ein solcher Minibetrieb erfolgreich ist und ausbreiten will, kommt er an die "Legalitätsschwelle", das heißt, er wird voll der Bürokratie unterworfen. Damit ist der Kleinunternehmer meist sachlich überfordert und zeitlich nicht in der Lage. Bestehende Großbetriebe lösen das Problem dadurch, dass sie Experten für diese Zwecke einstellen oder mit den zuständigen Beamten beraterähnliche Veträge abschließen.

In Studien wurde festgestellt, dass in bürokratischen und korrupten Ländern Manager viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit an den Umgang mit Behördenvertetern werwenden als die in nicht-korrupten Ländern. Hier werden echt Talente umgeleitet. Man spricht nicht mehr mit dem Kunden, um sein Geschäft erfolgreich zu leiten, sondern mit dem Finanzbeamten.


Wie man Bestechung nicht bekämpfen kann

Bestechung als etwas Verbotenes oder "Unanständiges" zu bekämpfen wollen, funktioniert in korrupten Systemen wit starkem Bestechungsgewerbe nicht. Es ist selbst schädlich für die Gesamtwirtschaft, einen der wichtigsten und gesundesten Wirtschaftszweige ausrotten zu wollen.



Werner Kottmann, Bielefeld   25. Mai 2001


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