1A Anhang zu Grundzüge der filipinischen Syntax

{1A-101 }   Zitat Martin Luther

'Denn man mus nicht die buchstaben inn der Lateinischen sprachen fragen / wie man sol Deudsch reden / wie diese Esel thun / Sondern man mus die mutter ihm hause / die kinder auff der gassen / den gemeinen man auff dem marckt drümb fragen / und den selbigen auff das maul sehen / wie sie reden / und darnach dolmetschen / so verstehen sie es denn / und mercken / das man Deudsch mit ihn redet.'
Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen (1530, nach der Ausgabe des Max Niemeyer Verlages, Halle, 1968).

Wenn wir dieses Zitat auf unsere Studien der filipinischen Sprache anpassen dürfen, können wir sagen:

"Man muss nicht die spanische oder englische Grammatik befragen, wie man Filipino reden soll. Sondern man muss die Mutter zu Hause, die Kinder auf der Straße und die einfachen Leute auf dem Markt fragen und muss ihnen auf den Mund sehen, wie sie reden. Danach muss man die Grammatik aufbauen, damit diese Menschen es verstehen und ihre eigene Sprache darin erkennen."

{1A-111 }   Philippinische Linguistik und ausländische Sprachen

Ernesto Lopez wird als Vater der philippinischen Linguistik betrachtet. Alle seine Arbeiten sind in Englisch abgefasst (mit Ausnahme der wenigen in Deutsch und Französisch), und häufig ist sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, welche Entsprechungen filipinische Konstruktionen im Englischen besitzen (viele Beispiele in { Lopez 1941}). Beispielsätze sind nahezu regelmäßig im westlichen Stil abgefasst {13-6.1}.

In der Grammatik von { Schachter 1972} wird durchgehend Tagalog mit der englischen Sprache verglichen. Die ersten Worte des Buches lauten 'The pronounciation of Tagalog, like that of English, ...'.


{1A-131 }   Sprache und Dialekt

(1) Die Begriffe Sprache und Dialekt werden in der Linguistik mit verschiedenen Definionen verwendet. Einerseits werden Standardsprache und Dialekt gegenübergestellt, wobei Dialekt als eine Nicht-Standardsprache definiert ist. Wir möchten uns dieser Definition anschließen, stoßen aber bei ihrer Anwendung wegen Problemen der Standardisierung in den Philippinen (wie in allen Lebensbereichen) auf Schwierigkeiten. Wir betrachten Filipino als eine Standardsprache oder kurz als Sprache, da sie ein verfassungsmäßiger Begriff ist und in ihr weitgehend standardisierte Wörterbücher und Publikationen geschrieben sind (obwohl ihr ein offizieller gemeinsamer Standard fehlt). Die verfassungsmäßige Festlegung macht sie formal zur Landessprache (was andere filipinische Sprachen nicht sind). Wir möchten uns von der Diskussion fernhalten, was andere philippinische Sprachen und was demgegenüber Dialekte sind. Inwieweit die Publikation eines Wörterbuches zur Definition einer Standardsprache ausreicht, ist ebenfalls undeutlich. Es ist festzustellen, dass es solche Wörterbücher für mehrere philippinische Sprachen gibt.

(2) Eine davon abweichende Definition fasst den Begriff der Sprache sehr viel weiter { Gordon 2005}. Wir geben verkürzt die Daten von vier Ländern wieder.

PhilippinenNational or official languages: Filipino, English.
171 living languages:
  Filipino ohne Zahlenangabe. English (32 Tausend Sprecher = 0.04 %).
11 Sprachen, die von mehr als einem Prozent der Bevölkerung gesprochen werden.
 Cebuano23 %. "Language of wider communication. Speakers also use Tagalog."
Tagalog17 %. "Taught in primary and secondary schools. ... Used as the basis for the development of Filipino."
Ilocano9 %. "Language of wider communication."
Hiligaynon8 %. "Language of wider communication. Speakers also use Tagalog."
Bicol Centr3 %. "Trade language."
Waray-W3 %. "Language of wider communication."
Bicol Albay2 %. "Speakers have some proficiency in Central Bicolano."
Pampangan2 %. "Language of wider communication."
Pangasinan1.3 %
Maguindanao1.1 %. "Trade language. Comprehension of Tagalog is low."
Tausog1.0 %. "Language of wider communication."
6 Sprachen mit weniger als 100 Sprechern (eine davon mit zwei bis drei Sprechern).
ThailandNational or official language: Thai.
74 living languages:
Thai (5 Sprachen, etwa 70%).
2 weitere Sprachen mit mehr als 1 % (Chinesisch, Malaiisch).
Groß-
britannien
National or official languages: English, Welsh, French (regional).
12 living languages:
English (1 Sprache, etwa 92 %).
1 weitere Sprache mit nahezu 1 % (Welsh).
Scots wird nur mit 0.2 % angegeben.
DeutschlandNational or official languages: Standard German.
27 living languages:
Standard German (1 Sprache, etwa 91 %).
2 weitere Sprachen mit mehr als 1 % (Neben Schwäbisch ist dies Sächsisch, der Heimatdialekt des Verfassers), Bayerisch kommt nur auf 0.3 %.

Die Übersicht zeigt, dass neben der Landessprache stets weitere Sprachen vorhanden sind. Landessprache und Sprachenvielfalt schließen sich keineswegs aus (was in den Philippinen häufig nicht gesehen wird).

(3) Klassifikation der oben genannten philippinischen Sprachen

Austronesian
 Malayo-Polynesian
 Northern Philippine
 Northern Luzon Ilocano, Pangasinan
Central Luzon Pampangan
Meso Philippine
 Central Philippine Bikolano, Tagalog
  Bisayan Cebuano, Hiligaynon, Waray-Waray, Tausog
Southern Philippine Maguindanao

{1A-132}   Muttersprache

Der Begriff Muttersprache ('mother tongue') ist in den Philippinen ungebräuchlich; vermutlich ist wikang-inạ der richtige Begriff dafür. Stattdessen werden Begriffe wie sariling wika ('own language', 'eigene Sprache') oder wikang katutubo ('native language', 'einheimische Sprache') verwendet. Das Wort katutubo wird im Allgemeinen mit sinauna 'aus der Urzeit' und makaluma 'altmodisch' assoziert, hat also in der Regel eine negative Wertung. Bezeichnend ist, dass ein positiver oder wertneutraler Begriff für die Sprache, in der ein Kind sprechen und denken lernt, nicht besteht. Damit wird die einzigartige Funktion der Muttersprache in der persönlichen Entwicklung nicht gesehen, die wikang katutubo wird eine unter mehreren Sprachen, die dazu veraltet ist. Folgerichtig gebührt ihr nur eine geringe Wertschätzung.

Häufig kann man hören, dass die Philippinen eines der größten englischsprachigen Länder seien und dann wegen ihrer Bevölkerungszahl vor Großbritannien und Australien kommen. Wir betrachten dies als eine Eigenpropaganda bestimmter Interessengruppen in den Philippinen, die häufig kritiklos im Ausland übernommen wird. Wenn man ein englischsprachiges Land damit definiert, dass die Mehrheit der Bevölkerung Muttersprachler {*} der englischen Sprache sind, so gehören die Philippinen nicht in diese Gruppe. Englische Wörterbücher tragen dieser Tatsache Rechnung, in dem sie 'American, Anglo-Indian, Australian, British, Canadian, Irish, North American, Northern English, New Zealand, Scottish, South African, United States, West Indian' berücksichtigen, während die Philippinen in dieser umfangreichen Liste fehlen { Oxford p. XX f.}

{*}   Muttersprachler ist ein linguistischer Begriff: Mit seinem Sprachgefühl ('speech-feeling' bei { Bloomfield 1917 § 332}) urteilt der Muttersprachler über die Grammatikalität von Konstruktionen.

{1A-151 Θ}   Sprachliche Wirklichkeit und linguistisches Bild einer Sprache

Als wirklich vorhanden betrachten wir die gesprochene und geschriebene Sprache der Muttersprachler. Die Aufgabe der Linguistik sehen wir darin, ein möglichst vollständiges und konsistentes Bild der jeweiligen Sprache zu erarbeiten, das aber stets ein beschreibendes Bild bleibt und als dieses niemals vollständig richtig werden kann. Wie bei jedem Bild, spielen der Blickwinkel des Urhebers und dessen stets unvollständige Kenntnis des Originals eine einschränkende Rolle.

Ein 'internes' linguistisches Bild wird aus Sprechen und Denken der Muttersprachler entwickelt, also aus der sprachlichen Wirklichkeit, die dem Linguisten als Muttersprache zu Eigen ist oder die er sich nahezu vollständig zu Eigen gemacht hat. Demgegenüber entsteht ein 'externes' Bild, wenn der Linguist Sprechen und Denken in anderen Sprachen als Maßstab betrachtet. Auch zur Erstellung eines internen Bildes ist es unverzichtbar, linguistische Kenntnisse und Werkzeuge zu verwenden, die für andere Sprachen erarbeitet worden sind. Es ist jedoch stets streng zu prüfen, ob dabei das Wesen und die Vielfalt der sprachlichen Wirklichkeit der zu untersuchenden Sprache unangetastet bleiben.


{1A-152}   Methodologische Bemerkungen zu unserer Arbeit

(1) In der linguistischen Forschung sind zwei methodologische Grundrichtungen zu sehen. In der einen Gruppe ist der Linguist Muttersprachler der zu erforschenden Sprache, oder er hat durch fließende Beherrschung dieser Sprache ein nahezu sicheres Sprachgefühl entwickelt. Der Linguist dieser Gruppe ist aktiver Beteiligter am sprachlichen Geschehen. In einer zweiten Gruppe hat der Linguist keine enge Beziehung zu der zu erforschenden Sprache, er ist außenstehender Beobachter. Offenbar ist die Linguistik eine der wenigen Wissenschaften, die beide Ansätze ermöglicht. Um zwei Gegenbeispiele zu nennen: Ein Religionswissenschaftler kann sich nur schwer einer persönlichen Verbindung zu seinem Forschungsobjekt entziehen. Ein Naturwissenschaftler ist nahezu stets ein Beobachter, der außerhalb des zu erforschenden Systemes steht.

Es ist naheliegend, dass für lebende Sprachen, die in Ländern mit hochentwickelter Wissenschaft gesprochen werden, die erste Gruppe von Linguisten überwiegt oder zumindest einen entscheidenden Einfluss auf die linguistische Forschung ausübt. Die Erforschung von Sprachen, für die diese hochentwickelte Wissenschaft unter Beteiligung von Muttersprachlern fehlt, ist nur durch beobachtende Linguisten möglich. In der vergleichenden Linguistik besteht das Dilemma, dass in der Regel der Linguist stark unterschiedliche innere Bindung (Kenntnis und Sprachgefühl) zu seinen Studienobjekten besitzt.

Die Linguistik der filipinischen Sprache ist weitgehend von Nicht-Muttersprachlern erarbeitet worden. Wir möchten keineswegs den Wert der beobachtenden Linguistik herabsetzen (der Verfasser hat Physik studiert und kennt daher den Wert beobachtender Forschung), glauben aber andererseits, dass eine Verbindung beider Richtungen - also eine nicht nur einseitige Betrachtung - von großem wissenschaftlichen Wert ist. Deshalb steht für uns die vom Muttersprachler gesprochene und geschriebene Sprache im Mittelpunkt, tolerierte Grenzfälle (selbst wenn sie linguistisch interessant sein mögen) sind von geringerem Interesse. Wir betrachten es als unzulässig, bei der Analyse der filipinischen Sprache ausländische Übersetzungen als vorrangiges Werkzeug zu verwenden.

(2) Die Erforschung von Grenzfällen ist für den wissenschaftlichen Fortschritt unabdingbar. Auch in der Linguistik müssen konstruierte Beispiele erfunden und auf Akzeptanz und damit auf Grammatikalität geprüft werden. Für den Nicht-Muttersprachler besteht dabei die Gefahr, den Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz nicht erkennen zu können. Bei unseren Studien der filipinischen Sprache haben wir auf diesem Gebiet zwei prinzipielle Probleme erfahren.

Filipinos sind freundliche und tolerante Menschen. Verträglichkeit ist ihnen wichtiger als Recht haben. Daher ist ein Filipino oft bereit, einer an ihn herangetragenen Meinung zuzustimmen, selbst wenn er sie nicht oder nur unvollständig teilt. Dies ist inbesondere der Fall, wenn die Fragestellung ihn persönlich wenig betrifft. Für die meisten Filipinos gilt dies für Fragen ihrer eigenen Muttersprache. Puwede na lang ist die regelmäßige Antwort, aus der nicht hervorgeht, ob und inwieweit man zustimmt.

(3) Ein weiteres Problem stellt sich, wenn man Muttersprachler befragt, die sich nicht professionell mit ihrer Sprache befassen. Sie werden dann - was naheliegend ist - sich an ihre Schulkenntnisse zu erinnern versuchen. Jedoch wird an den philippinischen Schulen ein besonderes formales Filipino (das wir als westlichen Stil bezeichnen {13-6.1}) als die richtige und gute Sprache gelehrt, das jedoch außerhalb der Schule nicht verwendet wird. Ein deutlich wahrnehmbares Zeichen dafür ist, dass viele Muttersprachler eine Überlautung bevorzugen, wenn sie einen vorgelegten Text lesen, diese Überlautung jedoch sofort wieder ablegen, wenn sie frei sprechen. Es ist naheliegend, dass der westliche Stil besonders ausgeprägt ist, wenn man Lehrer zu ihrer Muttersprache befragt.

(4) Zum Studium der Schriftsprache haben wir eine Textsammlung erstellt, die vorwiegend Texte aus dem Wochenblatt { Liwayway} enthält, aber auch Auszüge aus filipinischen Buchtexten {18A-3}. Diese Textsammlung (eine Angabe zu ihrem Umfang: Sie enthält mehr als 5000 Sätze und etwa 2500-mal das Wort ang) kann elektronisch mit Hilfe eines Suchprogrammes ausgewertet werden, daher sprechen wir von unserem 'Werkstatt-Korpus' { Möller 2013 W}. Diesem Korpus entnehmen wir in zunehmendem Maße unsere Beispiele.

(5) Aus unserem Verständnis für den Vorrang der vom Muttersprachler aktiv verwendeten Konstruktionen folgen unsere Regeln für Quellenangaben bei Beispielsätzen. Vom Muttersprachler allgemein akzeptierte Konstruktionen haben keine Quellenangabe, selbst wenn wir sie der linguistischen Literatur entnommen haben. Bei geschriebener Sprache verzeichnen wir in der Regel die literarische Quelle. Nur in Ausnahmefällen (z.B. bei zweifelhafter Akzeptanz bei Muttersprachlern) geben wir eine linguistische Quelle an.

Bei der Auswahl der Beispiele versuchen wir, allgemein akzeptierten Konstruktionen den Vorrang zu geben. Linguistisch konstruierte Sonderfälle werden nur dargestellt, wenn dies zum Verständnis unbedingt erforderlich ist. Andererseits haben wir uns nicht gescheut, außerhalb der Fachliteratur gefundenen Beispielen mit ungewöhnlicher Grammatik einen wichtigen Platz einzuräumen.

(6) Erfassung der sprachlichen Wirklichkeit und eine darauf fußende grammatische Analyse sind die Bestandteile dieser Arbeit. Zu ersterem haben viele Muttersprachler mit ihrem Sprachgefühl - oft ohne ihr eigenes Wissen - entscheidend beigetragen. Auch zum grammatischem Verständnis von schriftlichen Quellen war ihre Hilfe unentbehrlich. Damit sind sie, meine philippinischen Freunde, in dieser Arbeit zu Mit-Verfassern mit Vetorecht geworden. Ihnen einzeln zu danken ist hier nicht möglich, stattdessen sind sie bei dem von mir verwendeten 'wir' eingeschlossen.

(7) Bezüglich der Terminologie sind wir einem in der Linguistik nur selten gegangenen Weg gefolgt, den wir das Mailboxprinzip nennen.

In der Informationstechnologie wurde eine neue Art des Speichern von Informationen erfunden. Einem Kunden wurde ein besonderer Spreicher zugewiesen, in den jedermann Information einschreiben kann, die aber nur vom Kunden gelesen und abgerufen werden kann. Diese neuen Speicher wurden 'mailbox' genannt. Es ist deutlich, dass diese Speicher sich von den konventionellen Briefkästen in amerikanischen Vorgärten erheblich unterscheiden, aber es gibt auch große Gemeinsamkeiten in ihrer Funktion, die die Verwendung eines gemeinsamen Begriffes rechtfertigen.

Wenn wir einen grammatischen Begriff für die filipinische Sprache benötigen, haben wir, wenn immer möglich, auf einen bestehenden Begriff aus der indoeuropäischen Grammatik zurückgegriffen. Dabei kam es uns nicht auf völlige Identität der Definition an, sondern auf Ähnlichkeit in einigen wichtigen Punkten. Unsere grammatischen Begriffe für die filipinische Sprache haben also a priori einen unterschiedlichen Inhalt als die gleichen Begriffe für europäische Sprachen. So gestatten wir uns z.B., den Begriff Subjekt in der filipinischen Sprache zu verwenden, ohne damit sagen zu wollen, das das damit Bezeichnete in allen Punkten dem klassischen Subjekt gleicht. Für uns ist das filipinische Subjekt naturgemäß etwas anderes als das Subjekt in einer europäischen Sprache, so wie das Mailbox im Vorgarten etwas anderes ist als das in einem Computer.

Dieses Verfahren verpflichtet uns, die von uns verwendeten Begriffe für die filipinische Sprache eigenständig zu definieren (das wäre auch bei der Einführung neuer Begriffe notwendig). Dass uns das nicht in allen Fällen vollständig gelungen sein mag, betrachten wir nicht als prinzipiellen Fehler unseres Verfahrens, sondern als Ansporn, es besser anzuwenden.

(8) Unsere Absicht ist, die filipinische Syntax in filipinischer Sprache darzustellen; und diese deutschsprachige Ausgabe ist eine Vorstufe dazu. Eine englischsprachige Arbeit, um eine philippinische Muttersprache zu fördern, ist unter den gegebenen Umständen ein Widerspruch in sich selbst. Die Arbeit muss in Filipino vorliegen, um den gewünschten Erfolg nicht von vorn herein auszuschließen. Dazu gehört, die filipinische Grammatik eigenständig darzustellen und nicht in von europäischen Sprachen vorgegebene Modelle einzupassen. Trotzdem haben wir den Punkten besondere Aufmerksamkeit geschenkt, an denen wir in anderen Arbeiten Analogien zu europäischen Sprachen gefunden haben, die unserer Meinung nach unberechtigterweise auf die filipinische Sprache übertragen worden sind. Leider können wir diesen indirekten Bezug auf europäische Sprachen nicht vermeiden.

Unserer Zielstellung entsprechend, haben wir in erster Linie nach Verständlichkeit für ein philippinisches Fachpublikum gesucht und die Punkte, die nach unserer Meinung dabei besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, ausführlich behandelt. Dabei musste häufig auf eine straffere Darstellung verzichtet werden, die einer linguistischen Publikation angemessener wäre.


{1A-171 }   Verwendung ausländischer Fachausdrücke in der philippinischen Linguistik

(1) In der philippinischen Linguistik besteht keine einheitliche Aufffassung, wie ausländische Fachausdrücke {*} in die filipinischen Sprache eingepasst werden. Die Mehrzahl der ausländischen Fachausdrücke hat seinen Ursprung in der altgriechischen und lateinischen Sprache (viele davon sind Kunstwörter). Die europäischen Sprachen gehen bei der Eingliederung in der Regel vom griechischen oder lateinischen Original aus. In den Philippinen wird die spanische oder englische Ableitung zugrunde gelegt. Dies erzeugt eine Anzahl von Problemen, die unterschiedlich gelöst werden. Auf Schwierigkeiten stößt vor allem, dass in der englischen Sprache das orthografische Wortbild von griechischen oder lateinischen Lehnwörtern weitgehend dem der Ursprungssprache entspricht, während diese Wörter phonologisch stark verändert werden.

{*}   In den Philippinen kann der Begriff ausländische Fachausdrücke nahezu gleichgesetzt werden mit englische Fachausdrücke, da andere Sprachen nicht in Betracht gezogen werden.

(2) Eine Methode (Beispiel { Aganan 1999}) behält die englische Ableitung orthografisch unverändert bei und unterstellt, dass der Leser so viel Englisch kann, dass er die englischen Wörter richtig ausspricht. Dabei werden die englischen Wörter wortartspezifisch übernommen (also neben 'verb' das Adjektiv 'verbal' und nicht pangverb, was den filipinischen Regeln für Lehnwörter entsprechen würde). Ein großer Vorteil dieser Methode ist, dass bei internationaler Kommunikation die englischen Wörter deutlich erkennbar bleiben. Der scheinbare Nachteil dieser Methode ist, dass diese englischen Wörter sichtbar Fremdwörter in der filipinischen Sprache bleiben.

(3) Fast alle philippinischen Autoren (Beispiel { Paz 2003}) wenden Methoden an, um die englischen Ableitungen in englischer Phonologie beizubehalten und an die filipinische Orthografie anzupassen, um das filipinische Prinzip von Gleichheit von Aussprache und Schreibweise beizubehalten. Dabei treten erhebliche Probleme auf. Zunächst besitzt die filipinische Orthografie nur unzureichende Mittel, um dies zufriedenstellend zu ermöglichen (Beispiele sind <agriment>, <vawel>, <titser>). Des weiteren ist die englische Aussprache keineswegs so eindeutig, dass sich daraus ein eindeutiges filipinisches Schriftbild erkennen ließe (Beispiel Englisch 'enclitic' wird zu Filipino <inklitik>, <enklitik> oder <ingklitik>). Häufig werden noch Anpassungen an die alte Tagalog-Phonologie vorgenommen (Beispiel: Ersatz des Lautes [ f ] <f> oder <ph> durch [ p ] <p> in <diptong>). In der Regel werden die Wörter als wortartfreie Wurzeln importiert, so dass auf sie die filipinische Affigierung angewandt wird (Beispiel: pagkaklasifay). Durch diese Methode entstehen also Wörter, die nicht mehr englisch sind, aber nur schwer in das filipinische Laut- und Schriftbild passen. Ob mit dieser Methode eine gute Verständlichkeit innerhalb der filipinischen Sprache hergestellt werden kann, ist schwer festzustellen. Deutlich ist, dass die Verbindung zum englischen Schriftbild und zur englischen Aussprache weitgehend verloren gehen kann (Beispiele: Englisches clause [klɔ:z] wird zu <klos> mit vermutlicher filipinischer Aussprache [klɔs]; vowel ['vaʊəl] wird zu <vawel> mit vermutlich ['fa:.vɛl]; richtiger (aber trotzdem nicht richtig) wäre wohl <vaw-el> ['faʊ.ʔɛl]).

Einige Autoren haben die Probleme offenbar erkannt und sie über den Umweg der spanischen Sprache zu lösen versucht. Dabei gehen sie davon aus, dass spanische Orthografie und Phonologie besser zur filipinischen Sprache passen als die des Englischen. So kann man neben fonoloji auch ponolohiya finden.

(4) Wir haben keine Ansätze des naheliegenden Weges gefunden, die altgriechischen oder lateinischen Wörter direkt an die filipinische Sprache anzupassen (Beispiel: Vom griechischen φωνή [fo'nɛ] könnten palafonehan, pangfone abgeleitet werden).


{1A-201}   Definition der Phrasen

Wir verwenden den Begriff Phrase in sehr weitem Sinn; alle Bausteine des Satzes sind entweder Phrasen oder Alleinwörter {15-5.1}. In {1-6.3} haben wir die duale Identität der filipinischen Phrasen dargestellt und diese mit Hilfe der Begriffe Funktions- und Inhaltsphrase beschrieben. Phrasen besitzen folgende Eigenschaften.

Nachfolgend eine Liste der Phrasen, wie wir sie in unserer Syntax verwenden.


{1A-202 Σ}   Analyse eines Mustersatzes

[1]   Ursprünglicher Aussagesatz
[2]   Frage nach dem Subjekt
[3]   Frage nach untergeordneter Nominalphrase
[4]   Frage nach unabhängiger Adverbphrase
[5]   Frage nach Adjektiv in Objunktphrase
[6]   Frage nach untergeordneter Objunktphrase


[1] Ursprünglicher Aussagesatz

Kaninang umaga ay binigyạn ni Gina ang lolo sa ating hardịn ng dalawạng aklạt na sinulat ni Rizạl. Heute morgen gab Gina dem Großvater in unserem Garten zwei Bücher, die Rizal geschrieben hat.
Kaninang um.ay binigyan ni Gina ng 2 aklat na sinulat .. ang lolosa ating hardin
{P-0=P-D} {P-P=P-V} {P-S=P-N}{P-A/I=P-N}
binigyan ni Gina ng 2 aklat na sinulat ..
{P-V(V P-C P-C)}
ni Ginang 2 aklat na sinulat ..
{P-C} {P-C}
na sinulat ..
{C-L/P0}
kaninangum.aybinigyanniGina ng2aklatnasinulatang lolosaating hardin
D.LNMPVP20/A N/NaMCNLVP10/A MCNMAN
MC.A/NaJN.L MA.PP.L
heuteMorgen gebenGina2Buch schreibenGroßvaterwir Garten

Alternative Konstruktionen
[++]Kaninang umaga ay binigyạn ni Gina ang lolo sa ating hardịn ng dalawạng aklạt na sinulat ni Rizạl.
[+]Kaninang umaga binigyạn akọ sa ating hardịn ni Gina ng dalawạng aklạt na sinulat ni Rizạl.
[0]Kaninang umaga binigyạn ni Gina akọ sa ating hardịn ng dalawạng aklạt na sinulat ni Rizạl.
[-]Kaninang umaga binigyạn akọ ni Gina ng dalawạng aklạt na sinulat ni Rizạl sa ating hardịn.
(Der Satz ist grammatisch gut, aber semantisch zweideutig: Was geschah in unserem Garten, das Schreiben der Bücher oder deren Übergabe?)

[2]Frage nach dem Subjekt ang lolo
Kaninang umaga ay binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Das Subjekt kann in Filipino nicht erfragt werden, daher Tausch von Subjekt und Prädikat.
Sino ang binigyan ni Gina sa ating hardin kaninang umaga ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal?
Lolo ang binigyan ni Gina sa ating hardin kaninang umaga ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
[3]Frage nach untergeordneter Nominalphrase Gina
Kaninang umaga ay binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Die Objunktphrase kann in Filipino nicht erfragt werden, daher muss der Satz von Passiv nach Aktiv geändert werden.
Kaninang umaga ay nagbigay si Gina sa ating hardin sa lolo ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Das Subjekt kann in Filipino nicht erfragt werden, daher Tausch von Subjekt und Prädikat.
Sino ang nagbigay sa lolo kaninang umaga sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal?
Si Gina ang nagbigay sa lolo kaninang umaga sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
[4]Frage nach unabhängiger Adverbphrase kaninang umaga
Kaninang umaga ay binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Kailan binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal?
[5] Frage nach Adjektiv in Objunktphrase dalawa
Kaninang umaga ay binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Die Objunktphrase kann in Filipino nicht erfragt werden, daher muss der Satz von Passiv {VP20} nach Passiv {VP11} geändert werden.
Kaninang umaga ay ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin ang dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Das Subjekt kann in Filino nicht erfragt werden, daher Tausch von Subjekt und Prädikat.
Ano ang ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga?
Ilang aklat na sinulat ni Rizal ang ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga?
Dalawang aklat na simulat ni Rizal ang ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga.
[6]Frage nach untergeordneter Objunktphrase Rizal
Kaninang umaga ay binigyan ni Gina ang lolo sa ating hardin ng dalawang aklat na sinulat ni Rizal.
Die Objunktphrase im Nebensatz kann nicht erfragt werden, daher muss der Nebensatz von Passiv nach Aktiv geändert werden.
Außerdem muss der Hauptsatz von Passiv {VP20} nach Passiv {VP11} geändert werden.
Damit wird jedoch der Hauptsatz falsch, da jetzt Rizal übergeben werden würde. Haupt- und Nebensatz müssen jetzt ihre Rollen tauschen.
Sumulat ng dalawang aklat si Rizal   |||   ang ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga.
Sumulat si Rizal ng dalawang aklat na ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga.
Das Subjekt kann in Filipino nicht erfragt werden, daher Tausch von Subjekt und Prädikat.
Sino ang sumulat ng dalawang aklat na ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga?
Si Rizal ang sumulat ng dalawang aklat na ibinigay ni Gina sa lolo sa ating hardin kaninang umaga.

{1A-203}   Definition von und Namen für Funktionsphrasen

Neben Prädikat und Subjekt unterscheiden wir vier weitere Funktionsphrasen, die sich durch ihr Bestimmungswort unterscheiden. Dieser Ansatz erfordert vier verschiedene (neue) Namen für diese Phrasen. Traditionelle Bezeichnungen wie 'Objekt' (layon) oder 'Adverbialphrase' (... makaabay) erscheinen uns dafür wenig geeignet, und wir haben nach Begriffen gesucht, die keine falschen Assoziationen zulassen, wie es zum Beispiel bei layon = 'Absicht, Ziel, Zweck' der Fall sein kann.

Neue Bezeichnungen Objunkt und pantuwịd führen wir für die NG-Phrase ein. Der Wortstamm tuwịd steht in der filipinischen Sprache für eine 'gerade, direkte' Verbindung. Er erscheint uns geeignet, da das Objunkt eng mit seiner übergeordneten Phrase verbunden ist. Mit der Verwendung des Stammes tuwịd wird eine Verbindung zu dem in der Literatur verwendeten Begriff layon na tuwiran 'direktes Objekt' geschaffen.

Unsere Bezeichnungen für die SA-Phrase sind Adjunkt und pandako. Der Stamm dako ist ein Substantiv 'Richtung'. So soll sich in diesem Namen widerspiegeln, dass eine SA-Phrase eine räumliche oder zeitliche Richtung angibt oder dies im übertragenen Sinn tut (Empfänger).

Durch die Ligatur wird eine Stufe, also eine Über- und Unterordnung angezeigt. Deshalb haben wir den Namen Subjunkt und panlapạg gewählt. Der Stamm lapạg bezeichnet 'eine oder mehrerere übereinanderliegenden Ebenen, Stockwerke'.

NANG-Phrasen stehen selbständig im Satz, sie besitzen keine syntaktische Verbindung zu einer anderen Phrase und werden häufig ohne Bestimmungswort verwendet. Ihr Bestimmungswort nang dient vorwiegend der Abgrenzung von anderen Phrasen. Daher sind für uns die Bezeichnungen Disjunkt und pang-umpọg passend für diese Phrasen. Der Stamm umpọg beschreibt den 'den Zusammenstoß zweier harter Gegenstände'.

Diese Begriffe sind gleichermaßen für unabhängige Phrasen, Attribute von Nomina und für Argumente von Verben geeignet.

Zuordnung von Phrasen in der Literatur {1A-612 }.


Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/filipino/sy_ugnay_1A.htm
25. November 2009 / 14. Oktober 2013

Die filipinische Sprache - Ende 1A Anhang zu Grundzüge (Datei 1A/1)

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