6 Verben und Verbphrasen
(Datei 6/04)

6-4 Affixe der Verben

(1) Eine der Besonderheiten der filipinischen Sprache ist, dass es kein Stammverb in einer Wortfamilie gibt. Alle Flexionsformen der Verben werden mit Hilfe von Affixen von einem Wortstamm abgeleitet, der niemals ein Verb ist. Daher ist auch nicht zwingend zu entscheiden, ob Passivverben von Aktivverben abgeleitet sind oder umgekehrt.

Nur zwei Suffixe, -an und -in, werden verwendet. Die große Anzahl Präfixe kann allein stehen oder mit anderen Präfixen kombiniert stehen. Dadurch entsteht eine große Diversität an morphologischen Verbgruppen.

Allgemein kann über die Affixe gesagt werden:

(2) Einige Gruppen von Verben, die alleinige Affixe haben und häufig gebildet werden, bezeichnen wir als einfache Verben, ohne dass sie deutlich eine besondere Syntax besitzen [1] {*}. Sie sind auch bezüglich der Modalität als einfach zu bezeichnen (Zustand und Tätigkeit).

{*}   Daneben verwenden wir den Begriff einer einfachen Tätigkeit. Darunter verstehen wir Verben, die eine Tätigkeit mit keinem oder nur einem Argument beschreiben (Beispiele sind umulan oder matulog).

(3) Die folgende Tabelle stellt die Vielfalt von mehr als 60 Affixkombinationen dar, obwohl sie vermutlich noch unvollständig ist. Die Anordnung erfolgt ausschließlich nach morphologischen Ähnlichkeiten {**}. In den Einzeldarstellungen in Kapitel {7} wird der Zusammenhang zwischen syntaktischen, morphologischen und semantischen Verbgruppen betrachtet. Von einem Wortstamm werden bei weitem nicht alle möglichen Ableitungen gebildet, es handelt sich um einen Derivationsprozess (und kein Flexionsparadigma) {6-4.2 Θ}.

{**}   Mit einer Ausnahme: -in und ma- werden einander zugeordnet.
Aktiv||Passiv

[1]ma-
{7-1.1}
mang-
{7-1.1}
-um-
{7-1.2}
mag-
{7-1.3}
-in
{7-2.2}
-an
{7-2.3}
i-
{7-2.4}
[2]makapang-
{7-3.4}
maka-
{7-3.4}
makapag-
{7-3.4}
ma-
{7-3.1}
ma--an
{7-3.2}
mai-
{7-3.3}
[3]maka-
{7-3.5.2}
ma- mapa-
{7-3.5.1}
ma--an
{7-3.5.1}
maipa-
{7-3.5.1}
[4]magpa-
{7-4.1}
pa--in
{7-4.1}
pa--an
{7-4.1}
ipa-
{7-4.1}
[5]makapagpa-
{7-4.2}
mapa-
{7-4.2}
mapa--an
{7-4.2}
maipa-
{7-4.2}
[6] pag--in
{7-5.3}
pag--an
{7-5.1}
ipag-
{7-5.2}
[7] mapạg-
{7-5.4}
mapạg--an
{7-5.1}
maipag-
{7-5.2}
[8] mapag-
{7-3.5.1}
mapag--an
{7-5.1}
maipag-
{7-5.2}
[9] pang--in
{7-6.3}
pang--an
{7-6.2}
ipang-
{7-6.1}
[10] mapang--an
{7-6.2}
maipang-
{7-6.1}
[11]magsa-
{7-7.1}
isa-
{7-7.1}
[12]magka-
{7-8.1}
ka--an
{7-7.2}
ika-
{7-7.2}
[13] magkạng-
{7-8.2}
ikang-
{7-7.2}
[14]magsipang-
{7-8.5}
magsi-
{7-8.5}
magsipag-
{7-8.5}

[15]ma--an
{7-3.6}
mag--an
{7-8.2}
magka-
{7-8.2}
magka--an
{7-8.2}
||
||
ipagpa-
{7-5.2}
ipag--an
{7-5.2}
ikapag-
{7-7.2}
mag-um-
{7-8.3}
magpaka-
{7-8.4}
magpạng--an
{7-8.2}
||
||
ipagkang-
{7-7.2}

[16]maki-
{7-9.1}
makipạg-
{7-9.1}
makipạg--an
{7-9.1}
||
||
||
[paki-]
[paki--in]
{7-9.2}
[paki--an]
{7-9.2}
[ipaki-]
{7-9.2}

[17]maging-
{6A-402}
||
||
maka-
{6A-403}
maka--an
{6A-403}
ma--in
{6A-403}
Die Affixe [17] sind keine Verbaffixe bzw. -affixkombinationen.

6-4.1 Θ Funktion der verbalen Affixe (Korbhypothese)

(1) Affigierung und Argumentstruktur haben eine sehr anschauliche Bedeutung. Die Affigierung bestimmt, wie das Verb phonologisch gebildet wird. Die Argumentstruktur bestimmt, von welchen Phrasen das Verb im Satz umgeben ist. Beides sind also deutlich erkennbare Strukturen in der Sprache. Nun stehen einer Vielzahl von Affigierungsmöglichkeiten eine sehr beschränkte Anzahl Wahlmöglichkeiten für die Argumentstruktur gegenüber. Ein Teil der Affixkombinationen wird ausschließlich (oder überwiegend) verwendet, um die Modalität der Verben auszudrücken. Ihre Verwendung ist daher weitgehend festgelegt und soll jetzt nicht betrachtet werden. Es verbleiben also Affigierungsmöglichkeiten, die keine oder "normale" Modalität bezeichnen. Dies sind im wesentlichen die Verben, die wir als einfache Verben bezeichnen.

Bei den einfachen Verben macht die Sprache von einer großen Anzahl Kombinationen von Argumentstruktur und Affix Gebrauch, wie die folgende Übersicht zeigt.


V..00
P-S

ang
V..10
P-S P-C

ang ng
V..01
P-S P-A

ang sa
V..11
P-S P-C P-A

ang ng sa
V..20
P-S P-C P-C

ang ng ng

[1]mabingị manoọd mabahala makinabang
[2]mamukọ mang-akit mamahala mamigạy
[3]bumaho bumatị bumati bumawas
[4]magbihis magbanlạw magbantạy magbudbọd
[5]anayin awitin [haluin] bihasahin pukulịn
[6][puntahạn] bayaran budburạn
[7][iuw] ibagsạk [ibigạy] ibalịk ibilị

(2) Dieses Verhalten lässt Schlussfolgerungen zu, wie sich die filipinische Sprache der Verben und deren Affigierung bedient. Ein Verb mit globaler Wirkung ist von Argumenten umgeben, dem Subjekt, Objunkten und Adjunkten; diese sind durch ihre Bestimmungswörter deutlich markiert. Die Affixe der Verben haben in erster Linie zwei Funktionen. Die wichtigste ist, das Verb als solches zu kennzeichnen. Die zweite wichtige Funktion ist anzuzeigen, ob es sich um ein Aktivverb oder ein Passivverb handelt. Dies ist für das semantische Verständnis wesentlich, um die Argumente richtig zu deuten.

Wenn man von den Zustandsverben absieht, ist bei einfachen Aktivverben der Täter stets im Fokus, bildet also das Subjekt. Deshalb ist es nahezu unwichtig, welches Aktivaffix verwendet wird, da die Bestimmungswörter der Argumente den Satz bereits ausreichend verständlich machen [1-4]. Die Wahl des Affixes kann also weitgehend zum Ausdruck lexikalischer Feinheiten innerhalb einer Wortfamilie dienen.

Bei den einfachen Passivverben ist die Situation bereits anders. Das Verb muss nicht nur das Passiv anzeigen, sondern auch entscheiden, ob es sich um einen Tatobjekt- oder A-Fokus handelt [5-7] (der Argumentstruktur ist dies oft nicht zu entnehmen). Dazu ist die richtige Wahl des Affixes zum grundsätzlichen Verständnis des Satzes wichtig, sodass der lexikalische Spielraum viel geringer ist.

Bei den nichteinfachen Verben werden die Affixe - in der Regel Affixkombinationen - verwendet, um Modalität und den dazugehörigen Fokus anzuzeigen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist dann die Verwendung eines bestimmten Affixes zwingend vorgeschrieben, um dem Satz einen eindeutigen Sinn zu geben. So ist das syntaktische Verständnis der nichteinfachen Verben trotz ihrer morphologischen Komplexität viel leichter als das der einfachen Verben.

(3) Diese etwas formale Darlegung möchten wir durch eine Betrachtung ergänzen, die den semantischen Inhalt in den Mittelpunkt setzt. In den Abschnitten {6-3..} haben wir Fokus und Funktion eingeführt zur Beschreibung des Zusammenhanges zwischen Semantik und syntaktischer Struktur. In dieser Darstellung des Fokus spielt die morphologische Realisierung keine Rolle. Dies eröffnet eine besondere Blickrichtung auf die filipinischen Verben.

Wir gehen von der Semantik aus, dem Wunsch, eine Tätigkeit (oder Ähnliches) auszudrücken. Dazu wird ein Wortstamm gewählt und dieser legt bereits fest, welche Beteiligte als Argumente der Tätigkeit regelmäßig zugeordnet werden sollen. In der entsprechenden Wortfamilie werden Verben gebildet, die jeweils einen der wesentlich Beteiligten in den Fokus setzen können. Dies sei an einem Beispiel erläutert (vermutlich ist dieser Gedankengang sprachenübergreifend): Dem Wort 'Ei' wird eine Tätigkeit 'Eier legen' zugeordnet, aber kein 'Eier legen für jemandem'. Dem Wort 'geben' wird jedoch eine Tätigkeit 'jemandem etwas geben' zugeordnet, da es wesentlich ist, den Akt des Gebens mit dem Empfänger in Verbindung zu bringen.

Um die Festlegung und Ordnung der Argumente zu regeln, bedient sich die filipinische Sprache der Affixe für Verben. In gewissem Maße steht es dem Sprecher frei, sich für einen bestimmten Fokus (und für eine bestimmte Argumentstruktur) aus dem "Korb" der Affixe eines auszusuchen, das in dieser Wortfamilie das passendste ist. Es ist naheliegend, dass man für vergleichbare Wortfamilien eine ähnliche Wahl trifft, aber das ist nicht zwingend. In dieser Betrachtungsweise haben Affixe keine vollständig feste Bedeutung, sie können in verschiedenen Wortfamilien in gewissen Grenzen unterschiedlich verwendet werden. Diese Grenzen werden im Allgemeinen durch die Verständlichkeit des Ausdruckes bestimmt.

(4) Dazu einige Beispiele: Da bei dem Stamm puntạ keine Verwechselung möglich ist, können pumuntạ und magpuntạ verwendet werden. Ebenso schafft buksạn kein Problem, da der Stamm bukạs keinen semantisch wesentlichen lokalen Fokus besitzt. Damit ist allerdings nicht erklärt, warum die Sprache buksin nicht bildet. Und in der Wortfamilie tawag (ebenso ohne wesentlichen lokalen Fokus) besteht eine Konvention, tawagin zu verwenden, wenn der Gerufene in Sichtweite ist und tawagan außerhalb (früher zur Götteranrufung, heute am Telefon).

Wenn man eine vom Allgemeinen abweichende Konstruktion wählen will, so macht man in dem "Korb" eine sorgfältigere Wahl, die der besonderen Konstruktion entspricht. So ist es nicht verwunderlich, dass der seltene Werkzeugfokus (nahezu) stets mit den Affixen ipang- oder i- gebildet wird. Aber auch hier gibt es einige ipang- Verben, die keinen Werkzeugfokus besitzen {7-6.1}, ebenso wie die meisten i- Verben.

Diese Korbhypothese wird quantitativ unterstützt, wenn man betrachtet, wieviel unterschiedliche Affixe oder Affixkombinationen zur Darstellung eines bestimmten Fokus verwendet werden können. Nach den Daten der Abschnitte {6-3..} sind dies 23 für Tatobjektfokus, 10 für Empfängerfokus und nur 7 für Werkzeugfokus.

Die Korbhypothese erleichtert das Verständnis der filipinische Affixe und vermeidet eine zwingende Zuordnung zu syntaktischen und semantischen Funktionen. Wenn wir die Verwendung bestimmter Affixe betrachten, kommen wir als Ergebnis zu Listen, die die Bandbreite ihrer Verwendung anzeigen, die wir jedoch nicht als Teil eines Klassifikationssystemes ansehen (Beispiel Suffix -an in {6A-401}).


6-4.2 Θ Morphologie der Verben

Obwohl Syntax das Thema unserer Arbeit ist, möchten wir an dieser Stelle einige Betrachtungen über die Morphologie der filipinischen Verben einfügen. Dabei stehen folgende morphologische Prozesse im Mittelpunkt:

Mit den Bezeichnungen D-Affix und F-Affix für verbale Affixe schaffen wir gleichzeitig eine Abgrenzung zu nichtverbalen Affixen oder nicht verbalem Gebrauch von Affixen.


6-4.2.1 Θ D- und F-Affigierung

(1) Bei der D-Affigierung können nur die Affixe ma-, mang-, mag-, -um-, i-, -an und -in allein Verben bilden. Da wir die Verben in Aktiv- und Passivverben einteilen, können wir diese Affixe den Genera zuordnen. In Affixkombinationen können zwei verschiedene dieser Affixe zu stehen kommen, daher haben wir genauer einzuteilen:

Dabei wird eine Regel eingehalten, dass zwei dominante Affixe nicht in einer Affixkombination auftreten können (mit Ausnahme von mag-um-, wobei das Präfix mag- das Infix -um- nichtdominant macht).

(2) Bei der F-Affigierung werden folgende Wege gegangen.

(3) Undeutlichkeiten bei der Flexion werden dadurch vermieden, dass der D-Affigierungsprozess nur Affixkombinationen zulässt, die kein oder nur eines der Affixe ma-, mang- oder mag- enthalten. Dieses Affix steht am Anfang des Verbs und ist ohne Ausnahme flexionsfähig. Diese Regel hat eine wichtige Auswirkung und ist der Grund für eine zweite Regel: Soll ein weiteres dieser Affixe in der Kombination verwendet werden, so ist ein Allomorph pang- oder pag- zu verwenden. Die Allomorphe pang- und pag- haben die Eigenschaft ihrer Mütter abgelegt, dominante Aktivaffixe zu sein und können daher auch für Passivverben verwendet werden.

Für Affixkombinationen mit i- gilt nach den obigen Regeln: Enthält die Kombination ma- (mang- und mag- kommen in diesen Kombinationen nicht vor), so wird mai- am Wortanfang gebildet, das flexionsfähig ist. Eine Zusatzregel ist, dass in allen anderen Fällen i- aufgrund seiner Dominanz vor anderen Affixen steht und damit die Flexion bestimmt.

Eine Folge der hohen Priorität der Affixe ma-, mang- und mag- ist, dass neben den einfachen -um- Verben nur Aktivverben gebildet werden können, die mit einem dieser Präfixe beginnen.

(4) Die filipinische Sprache erlaubt, Verbformen zu vereinfachen. Dabei kann auf die Anzeige von durch D- und F-Affifierung geschaffenen Merkmalen verzichtet werden, wenn diese aus dem Sinnzusammenhang erkenntlich sind (Beispiel Argumentstruktur) oder diese nicht wichtig zum Verständnis sind (Beispiel Tempus). Bei dieser Vereinfachung können alle D- und F-Affixe weggelassen werden, so dass der Wortstamm als verkürzte Verbform bleibt {6-6.3}. Die Verständlichkeit der verkürzten Form muss gewahrt bleiben; diese Verkürzung ist nicht möglich, wenn der Wortstamm mit abweichender Bedeutung als Stammwort verwendet wird.

Hinzu kommt, dass die Sprache bei der Verbformenbildung Silbendoppelung verwendet:

(5) Eine Besonderheit verdient Beachtung. Bei der Bildung der magpa- Verben ist mag- eine Art Allomorph für ma-, mang- und -um- {7-1.3 (6) Θ}. Bei den Pluralverben dient mag- als zusätzliches Affix für alle Aktiv-Pluralverben, dabei entstehen die Affixkombinationen mag-pag- und mag-pang-.

Ein Problemfall bezüglich Allomorphie ist die Bildung der Gerundien der -um- Verben mit pag-. Es ist naheliegend zu sagen, dieses pag- sei ein Allomorph von -um-. Aber ist dann dieses pag- das gleiche wie das pag- der Gerundien der mag- Verben oder handelt es sich ein "Semihomomorph", da mag- Gerundien mit Silbendoppelung und -um- Gerundien ohne diese Doppelung gebildet werden? Wir lassen diese Problematik offen.

Zu erwähnen ist die beschränkte Allomorphie von F-Infix -in- nach dem F-Präfix na- {6-6.1.1 4.}.

Eine Besonderheit sind die Verben mit dem D-Affix maki- und die D-Formen mit paki-, bei denen maki- häufig und paki- stets die Modalität einer Bitte besitzt. Ein Affix ki- wird sonst nicht als D-Affix verwendet, daher sind maki- und paki- vermutlich als eigenständige Affixe zu verstehen und nicht als Affixkombinationen. Es besteht eine beschränkte Allomorphie von Aktivaffix maki- zu Passivaffix paki-. paki- ist in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme, die damit gebildeten Formen besitzen keine Flexion (sie sind nach unserer Definition keine Verben); eine F-Bildung pinaki gibt es nicht. Hinzu kommt, dass hier ein p..- Affix als Passivanzeige dient.

Für das Präfix pang- besteht eine deutlich sichtbare Homomorphie. Das mang- Allomorph pang- und das Affix pang- mit instrumentaler Bedeutung sind Homomorphe. Die pang- Verben sind zwei getrennte Gruppen, die eine (ausschließlich ipang- Verben) hat instrumentalen Fokus, die andere (alle pang--an, pang--in Verben, makapang- Aktivverben und wenige ipang- Verben) hat Bezug zu mang- Aktivverben in der Wortfamilie. Damit sehen wir es als gesichert an, dass die filipinische Sprache bei der Bildung von Verbformen Homomorphie zulässt.

Möglicherweise besteht das Affix in aus zwei unterschiedlichen Homomorphen. Das Suffix -in ist ein D-Affix, um dominant Passivverben zu bilden. Das Infix -in- ist ein F-Affix zur Markierung von Präteritum und Präsens von Passivverben. Es wird nur dann nicht verwendet, wenn diese Markierung durch ein ma-, mang- oder mag- Allomorph geschieht oder ein -um- Verb vorliegt. Es findet daher Verwendung bei -in, i-, -an Verben und mit Affix ka-, pa-, pang- oder pag- beginnenden Verben. Bei -in Verben verschwindet das D-Suffix -in, wenn das F-Infix -in- verwendet wird. Gäbe es dieses Verschwinden nicht, so läge unzweifelhaft ein Fall von Homomorphie vor.


6-4.2.2 Θ Gerundien als Bestandteil der Flexionsparadigmen

Wir betrachten Gerundien als Bestandteil der Flexionsparadigmen. Wir stehen damit nicht in Einklang mit der linguistischen Literatur {6A-4221 } und möchten unsere Sicht näher begründen. Wir wiederholen einige Beispielsätze aus {6-6.5 (5)} [1-6], die wir als entscheidend für das Verständnis der Gerundien betrachten:

 
[1]Naghihintạy akọ sa pagtay niyạ. Ich warte auf sein Aufstehen. {N/G/VA00}
[2]Naghihintạy akọ sa pagtatay ng bahay niyạ. Ich warte auf das Bauen seines Hauses.{N/G/VA10}
[3]Naghihintạy akọ sa pagpapatay ng bahay niyạ. Ich warte darauf, dass er sich ein Haus bauen lässt. {N/G/VA10/fi}
[4]Tumay na akọ. Ich bin jetzt aufgestanden.{VA00/A}
[5]Nagtay akọ ng bahay. Ich habe ein Haus gebaut.{VA10/A}
[6]Nagpatay akọ ng bahay. Ich habe ein Haus bauen lassen.{VA10/fi/A}
[7]Pagkuha (pagkukuha) ng larawan. Das Aufnehmen von Fotos. (Gerundium eines -um- Verbs mit Tatobjekt-Objunkt {VA10/fa|fp}.){N/G/VA10}

Diese Beispiele zusammen mit dem Paradigma der Bildung der Gerundien zeigen, dass die Gerundien nicht einer Wortfamilie im Allgemeinen zugerechnet werden können, sondern zu bereits gebildeten Aktivverben gehören. Sie werden entprechend der Affigierung des Aktivverbs gebildet (und nicht etwa entsprechend dessen syntaktischer Argumentstruktur) [7]. Die Reihenfolge der Ableitung kann also nicht Wortstamm - Gerundium - Verb sein, sondern muss Wortstamm - Aktivverb - Gerundium lauten. Daher sehen wir die Bildung der Gerundien als einen Flexionsprozess, der den Derivationsprozess der Bildung eines Aktivverbs voraussetzt. Die Besonderheiten dieses F-Prozesses können dann losgelöst von D-Prozessen und anderen F-Prozessen betrachtet werden. Insbesondere brauchen die für diesen F-Prozess geltenden Regeln der Silbendoppelung (nicht in allen Fällen und stets unbetont) und der Affigierung (Sonderfall von -um- nach pag-) nicht mit Regeln in anderen Prozessen abgestimmt zu werden und nach Ursachen für Unterschiede gesucht zu werden.

Eine Anzahl mag- Verben zeigen Besonderheiten in der Betonung. Abweichend von der Betonung des Wortstammes wird bei diesen Verben die letzte Stammsilbe betont {7-1.3 *} und {7-8.2 **}. Die Betonung der Gerundien ist der der mag- Verben gleich und unterscheidet sich also von der des Wortstammes (Beispiel: basa, magbasạ - pagbabasạ, jedoch bumasa - pagbasa). Auch hier wird die Reihenfolge der Ableitung Wortstamm - Aktivverb - Gerundium befolgt.


6-4.2.3 Θ p..- Affixe bei D- und F-Affigierung

(1) Die Präfixe pa-, pang- und pag- werden als D-Affixe zur Bildung von Verben verwendet. Gleichzeitig wird bei der Bildung der Gerundien, die wir als F-Ableitung betrachten, regelmäßig eines dieser Präfixe verwendet. Wir betrachten daher mögliche Beziehungen zwischen diesen gleichlautenden Affixen in ihren unterschiedlichen Anwendungen.

(2) Zunächst können wir keine Beziehung von pa-, pang- und pag- zu Passivformen erkennen. Die Gerundien betrachten wir als eine Flexionsform von Aktivverben, eine systematische Beziehung zu Passivverben haben wir nicht finden können. Bei der D-Affigierung werden mit pa-, pang- und pag- sowohl Aktivverben gebildet (Beispiele sind magpa-, makapang- und makipag-) als auch Passivverben (Beispiele pa--in, pang--an und ipag-). Dass die Passivverben zahlenmäßig überwiegen, führen wir darauf zurück, dass die filipinische Sprache Passivkonstruktionen bevorzugt und wegen der Diversität der Fokusmöglichkeiten einen größeren Bedarf an Passivverben hat. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass ein großer Teil der Passivverben ohne ein p..- Affix gebildet wird, während die p..- Affixe stets ein weiteres Aktiv- oder Passivaffix zur Bildung der Verben benötigen. Bezeichnenderweise besitzt die einzige Ausnahme paki- keine Flexion und ist im strengen Sinn kein Verb. Für uns besitzen die Affixe pa-, pang- und pag- für das Gerundium eine Prägung zwischen aktiv und fokusneutral, als D-Affixe haben sie eine fokusneutrale Prägung (aber mit Sicherheit keine ausschließlich passive Prägung).

(3) Dem D-Affix pa- wird die Modalität der Veranlassung zugewiesen (magpa-, pa--in, pa--an und ipa-). Ein Zusammenhang mit ma- Verben und deren pa- Gerundien konnte von uns auch nach sorgfältiger Suche nicht gefunden werden. Wir betrachten daher das F-Allomoph pa- zur Bildung der Gerundien der ma- Verben und das D-Affix pa- für die Modalität der Veranlassung als Homomorphe. Den wenigen pa- Gerundien stehen viel mehr pa- Verben der Veranlassung in völlig anderen Wortfamilien gegenüber (Beispiel paliligo - magpabahay).

(4) Während das D-Affix pa- eine Modalität anzeigt, ist weniger offensichtlich, welche Funktion die D-Affixe pang- und pag- besitzen (mit Ausnahme der besonderen Funktion von pang- für instrumentalen Fokus). Da pang- und pag- nur in Kombination mit anderen D-Affixen auftreten, markieren sie keine Verben, da diese bereits durch ein anderes D-Affix der Kombination markiert sind. Auch schaffen pang- und pag- keine Aktiv-Passiv-Zuordnung und überlassen dies einem anderen D-Affix der Kombination. pang- und pag- sind also nur ergänzende Affixe, die in einer Wortfamilie die Bildung zusätzlicher Verben mit abweichender Argumentstruktur oder abweichender Modalität erlauben. Selten besitzen Gruppen dieser Verben affixspezifische Modalität (dazu gehört die Modalität Veranlassung bei einer Gruppe von pag--in Verben); in der Regel sind die Abweichungen lexikalisch, also je Wortfamilie unterschiedlich. Eine der wenigen Ausnahmen ist ipagbawal, das ein einfaches Passivverb in der Wortfamilie ersetzt und daher keine Abweichung anzeigt. Es ist also zu schließen, dass die D-Affixe pang- und pag- (mit der Ausnahme von instrumentalem pang-) keine einheitliche semantische Bedeutung besitzen und dass das Zufügen von pang- oder pag- das Verb irgendwie ändert, aber nicht in eine für das Affix spezifische Richtung.

(5) Eine weitere Frage ist die Einordnung der F-Affixe der Gerundien pang- und pag-. Hier erhebt sich die Frage, ob sie gleich den D-Affixen pang- und pag- sind. Unzweifelhaft sind beide Gruppen Allomorphe der D-Affixe mang- und mag-, nach unserer Auffassung jedoch in grundsätzlich verschiedene Richtungen. Die F-Allomorphe für die Gerundien gehören zu Aktivverben und markieren weiterhin deren spezifische Argumentstruktur, wenn auch in abgewandelter Form. Die D-Affixe legen ihren dominante Aktivkennung völlig ab, werden dabei genusneutral (keineswegs passivisch, sonst könnten sie nicht in Kombinationen für Aktivverben verwendet werden). Häufig geht bei diesem Prozess die Zuordnung zum ursprünglichen mang- und mag- Verb völlig verloren, insbesondere wird - wie bei der Verbderivation üblich - eine neue Argumentstruktur aufgebaut, die oft die Daseinsberechtigung der Affixkombination schafft. In dieser unserer Sicht ist kein Raum, dass die Gerundien eine Rolle auf dem Wege der Bildung von Passivverben spielen. Wir folgern daraus, dass die Affixe pang- und pag- als F-Affixe der Gerundien und als D-Affixe Homomorphe geworden sind, obwohl sie gleiche Wurzeln besitzen.



Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/filipino/sy_V_04.htm
22. November 2009 / 07. Oktober 2013

Die filipinische Sprache - Ende 6 Verben und Verbphrasen (Datei 6/04)

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