1 Grundzüge der filipinischen Syntax


  Man muß die Mutter im Hause,
die Kinder auf der Gasse,
den einfachen Mann auf dem Markt fragen
und denen auf das Maul sehen, wie sie reden.
Martin Luther (1530) {1A-101 }

1-1 Einleitung: Die filipinische Sprache

1-1.1 Linguistik in den Philippinen

Linguistik stand und steht in den Philippinen stark unter ausländischem Einfluss. Es begann mit den spanischen Priestern, die die lokalen Sprachen in den Philippinen lernen mussten, um die einheimische Bevölkerung den katholischen Glauben zu lehren. So ist das erste in den Philippinen gedruckte Buch von einem spanischen Priester zweisprachig in Spanisch und Tagalog geschrieben { DC 1593}. Das Spanisch ist inzwischen vom (amerikanischen) Englisch abgelöst worden, und der ausländische Einfluss ist sicher noch stärker geworden. Heute hat nahezu jeder bessere Professor ganz oder ein paar Semester in den Vereinigten Staaten studiert. Für ein Tagalog-Englisch Wörterbuch schreibt die philippinische Staatspräsidentin das Vorwort in Englisch.

Bewusst oder unbewusst wurden die philippinischen Sprachen und heute das Filipino stets in die Nähe der Fremdsprache gebracht {1A-111 }. Die spanischen Mönche mussten ihre katholischen Texte in die lokalen Sprachen übersetzen. Heute müssen philippinische Grundschüler Englisch lernen, um ihre Rechenbücher lesen zu können.

Wenn man die eigene Sprache studiert, um sie mit einer Fremdsprache (und zwar mit einer europäischen, niemals mit z.B. Chinesisch oder Indonesisch) zu vergleichen, wird man zwangsläufig den eigentlichen Mittelpunkt der eigenen Sprache verlassen und sich dorthin begeben, wo die eigene Sprache der Fremdsprache am ähnlichsten ist. Damit werden keine eigentlichen Fehler begangen, aber typische Elemente der eigenen Sprache können undeutlicher hervortreten oder ganz verschwinden.

Nun ist der Verfasser ebenfalls ein Ausländer, der das Thema der filipinischen Grammatik auch wieder von einer europäischen Fremdsprache her angeht. Wir haben jedoch versucht, den Zielspracheneffekt auszuschalten, indem wir Filipino zur Zielsprache gemacht haben. Die hier vorliegende Arbeit in Deutsch ist als Vorstudie einer Arbeit anzusehen, die unter dem Titel Palaugnayan ng Wikang Filipino die filipinische Syntax in der eigenen Sprache beschreibt { Möller 2013 Ug}. Das Ziel war, eine Arbeit über die filipinische Sprache in Filipino zu erstellen, so dass der Benutzer in seiner eigenen Sprache lesen und denken kann, ohne durch fremdsprachliche Übersetzungen beeinflusst zu werden (vgl. {1A-152 (8)}).


1-1.2 Landessprache Filipino - eine Aufgabe

Unser Ziel ist es, einige Grundzüge der philippinischen Landessprache darzustellen. Unter Filipino verstehen wir formal die offiziell in der philippinischen Verfassung von 1987 festgelegte Sprache. Dort ist die Landessprache "Filipino" festgelegt und Englisch "bis auf weiteres" als Amt-, Handels- und Unterrichtssprache beibehalten.

Als gesprochene und geschriebene Sprache verstehen wir unter Filipino die Sprache, die von Filipinos der mittleren und oberen sozialen und Ausbildungsgruppen landesweit als Umgangssprache und Kommunikationsmittel verwendet wird. Damit glauben wir, das Ziel zu unterstützen, den Filipinos bei der Entwickung einer echten Landessprache zu helfen und damit Englisch die Rolle der ersten Fremdsprache zuzuweisen. Dass dies eine Zielstellung und keineswegs die sprachliche Realität ist, wird im nächsten Abschnitt dargelegt.

Damit unterscheidet sich unser Ansatz für Filipino von einer anderen Sicht auf Tagalog. Breite und tonangebende Kreise in den Philippinen versuchen aus unterschiedlichen Gründen, die Ausprägung einer eigenen Landessprache zu verhindern und Englisch an deren Stelle zu setzen { W Projekt Thomas}. Deshalb wird Filipino der Status einer Landessprache verweigert und Tagalog als eine einheimische Sprache unter vielen gesehen, um Englisch zur einzigen landesweiten Sprache machen zu können.

Wir unterscheiden uns auch auch von der linguistischen Forschung, für die die Sprache Tagalog ein Forschungs- und Lehrgebiet ist. Unser Anliegen betrifft Filipino und ist gesellschaftspolitisch, wobei wir anstreben, ebenfalls wissenschaftliche Methoden anzuwenden.

Unsere Aufgabe ist beizutragen, dass Filipino eine echten Landessprache wird, und zu verhindern, dass Filipino sich in Richtung einer aussterbenden Sprache entwickelt.

Betrachtungen zur filipinischen Sprache: "Warum Filipino statt Tagalog?" {W Betrachtungen 1.1}


1-1.3 Gegenwartssprache in den Philippinen

Die Sprache im philippinischen Alltag ist ein kompliziertes und wenig erforschtes Thema. In der Regel findet man (zu) viel Information über die verschiedenen Sprachen und Dialekte, aber wenig über den Gebrauch der Landessprache. Um dieses Problem zu umgehen, wollen wir zwischenzeitlich einen Begriff Kayumanggi (Kayumanggị ist ein einheimisches Wort, das Hautfarbe und Rasse der Filipinos beschreibt) einführen, der bedeuten soll "die offizielle Hochsprache oder eine andere Sprache bzw. ein Dialekt philippinischen Ursprunges". Kayumanggi ist also eine Abgrenzug gegenüber Englisch, Chinesisch, Spanisch usw. {1A-131 }.

Wer als Besucher in die Philippinen kommt, sieht ein englischsprachiges Land vor sich. Im Hotel gibt es englischsprachige Zeitungen. Speisekarten und auch die Hotelrechnung sind in Englisch. Im Supermarkt und in anderen Geschäften findet man alle Produkte mit englischen Beschriftungen. Betritt man eine Buchhandlung, wird man fast nur englischsprachige Bücher finden. Englisch ist die geschriebene Amts- und Handelssprache. Gesetze, Steuererklärungen, Verträge und Geschäftskorrespondenz sind in Englisch. Man sieht also nur Englisch.

Anders wird das Bild, wenn man Filipinos zuhört. Zunächst versucht jeder Filipino, zu einem Ausländer Englisch zu sprechen. Im großstädtischen Bereich ist häufig sein Englisch ausgezeichnet. In weit abgelegen Provinzen können sich die Englischkenntnisse auf ein paar einfache Sätze beschränken. Insofern ist der häufig gehörte Satz richtig "In den Philippinen spricht jeder Englisch".

Wie sprechen die Filipinos untereinander? Zu Hause wird in beinahe allen Familien ein Kayumanggi gesprochen, zu erwähnen sind noch chinesischsprechende Familien chinesischer Abkunft (es gibt auch chinesischsprachige Zeitungen). Der Verfasser schätzt, dass in weniger als ein Prozent der philippinischen Familien (beide Elternteile nichtemigrierte Filipinos, vgl. Zahlen in {1A-131 }) am Familientisch Englisch gesprochen wird. Das bedeutet, das auch heute noch für weit mehr als 90 Prozent der Filipinos Englisch nicht die Muttersprache ist {1A-132}. Es ist auch der Satz richtig "In den Philippinen spricht fast niemand Englisch".

Geht man in verschiedene Grundschulen, zeigt sich ein differenziertes Bild. Privatschulen (etwa die Hälfte der Kinder gehen auf private Schulen) haben nahezu ausschließlich englische Schulnamen, bei staatlichen Schulen ist etwa gleich häufig Paaralang elementarya und Elementary School zu lesen. Man wird fast nur englischsprachige Schulbücher finden und auch im Schulsekretariat wird Englisch geschrieben und gelesen. In den Klassenzimmern wird man häufig die Situation antreffen, dass der Lehrer eine Rechenaufgabe, die in Englisch im Buch steht, zunächst in Englisch erklärt und bei Unverständnis in der Schülerschaft - und das kommt häufig vor - das Ganze in einem Kayumanggi wiederholt. Das ist zwar "illegal", aber oft pädagogisch erfolgreich. In den Schulpausen ist es unterschiedlich. In den Dorfschulen hört man dann kein Wort Englisch mehr. In besseren Privatschulen wird das magtagalog 'sich in Tagalog unterhalten' im Schulhof bestraft.

Wenn man in ein Büro oder zu einer Behörde geht, sieht man auf den Schreibtischen wieder nur englischsprachige Papiere. Vom Umgang mit Ausländern abgesehen, kann man ein interessantes Sprechverhalten feststellen. Die englischsprachigen Papiere werden in Englisch gelesen. Je weiter man sich vom Papier entfernt, desto weniger Englisch und desto mehr Kayumanggi hört man. Nun folgen die englische und die Kayumanggi-Grammatik beim Satzbau völlig verschiedenen Gesetzen. Es gibt also einen Umkipppunkt im Gespräch. Erst werden Kayumanggi-Wörter in englisch konstruierte Sätze eingefügt, und dann plötzlich englische Wörter in Kayumanggi-Sätzen verwendet. Dabei werden die Kayumanggi-Flexionsregeln korrekt auf die englischen Wörter angewandt (Itetẹks kitạ. 'Ich werde dir/Ihnen eine Kurznachricht senden.').

Nach diesen Beobachtungen aus dem täglichen Leben wird deutlich, dass Kayumanggi vorwiegend eine gesprochene und viel weniger eine geschriebene Sprache ist. Naturgemäß ist die gesprochene Sprache weniger formalisiert als die geschriebene Sprache. Verstärkt wird dieser Effekt, dass die meisten Sprecher keinen regelmäßigen Zugang zu geschriebener Sprache haben und daher eine Korrektur der gesprochenen Sprache durch Geschriebenes nicht stattfinden kann. Andererseits wird kein Abgleich zwischen offiziellen oder akademischen Dokumenten und dem täglichen Leben erzwungen, da diese sich nicht berühren und nicht aneinander reiben können. Um einen deutschen Vergleich zu geben: "Wenn ich noch nie vom Duden gehört habe, werde ich mich an der neuen Rechtschreibung nicht stören." Und selbst der gebildete Filipino (einschließlich Lehrer) hat in der Regel noch nie von einem Duden-ähnlichen Buch (z.B. dem UP Diksiyonaryong Filipino { UPD}) gehört.

Bei geschriebenem Kayumanggi ist Folgendes zu beachten. Das meiste geschriebene Kayumanggi wird in einer englischsprachigen Umgebung verfasst. Es kann sein, dass es sich direkt um Übersetzungen aus dem Englischen handelt (so ist vermutlich der filipinische Verfassungstext eine Übersetzung aus dem englischen Original) oder dass zumindest der Schreiber durch die englische Sprache - bewusst oder unbewusst - beeinflusst ist. Wenn ich in Deutschland kein einziges deutsches Buch und nur englische Bücher in meinem Haus oder Büro habe, und ich fange an, einen deutschen Text zu verfassen, so wird der vermutlich etwas anglisiert sein. Ähnliches geschieht nun täglich in den Philippinen, das geschriebene Kayumanggi ist häufig anglisiert, und der Leser liest anglisiertes Kayumanggi und wird im Falle einer Antwort weiter anglisieren. Im Allgemeinen zeigt der Filipino eine hohe Flexibilität in der Aufnahme und Weitergabe von Informationen, wobei Konsistenz, persönliche Akzeptanz oder Richtigkeit häufig ungeprüft bleiben. So kann der Filipino ein in anglisiertem Kayumanggi geschriebenes Schriftstück sprachlich akzeptieren, selbst wenn es von seinem eigenen Verständnis von Kayumanggi meilenweit entfernt ist.

Diese Anglisierung ist offensichtlich, wenn englische Wörter und englische Phrasen, auch in Kayumanggi-Orthografie, verwendet werden. Schwieriger ist es, wenn die Kayumanggi-Syntax verbogen wird, um eine dem Englischen angenäherte Satzstruktur zu erzielen. Es erhebt sich die Frage, ob diese Anglisierung heute Bestandteil des Kayumanggi ist. Der Verfasser verneint diese Frage, da der Anglisierungseffekt zumindest bis heute auf die wenigen 'Lingutope' (Biotope bezüglich der Sprache) mit englischen Büchern beschränkt ist, und dieselbe Person am Wochenende in einem anderen 'Lingutop' ein anderes Kayumanggi spricht.


1-1.4 Landessprache Filipino

Trotz all dieser Probleme glauben wir, von Filipino, einer einheitlichen philippinischen Sprache, sprechen zu können. Dabei berufen wir uns weniger auf die philippinische Verfassung von 1987, sondern mehr auf die wirkliche Situation im Lande.

Es gibt heute eine weitgehend einheitliche geschriebene Sprache, die daher landesweit verbreitet und akzeptiert ist und bei der regionale Unterschiede kaum noch feststellbar sind. Es gibt keinen Grund, diese nicht, wie in der Verfassung vorgesehen, Filipino zu nennen. Daneben gibt es noch andere Sprachen und/oder Dialekte und Publikationen in einigen von diesen. Dies gilt nicht für Tagalog. Da geschriebenes Tagalog von geschriebenen Filipino praktisch nicht zu unterscheiden ist, gibt es keinen Grund, in diesem Zusammenhang noch von einer heutigen geschriebenen Sprache Tagalog zu sprechen.

Da in den Philippinen wenig gelesen und geschrieben wird, ist die Auswahl an geschriebenem Filipino nicht sehr groß.

Die Vereinheitlichung der gesprochenen Sprache schreitet schnell voran. Den größten Einfluss hat vermutlich das landesweite Fernsehen. Die Mobilität der Bevölkerung ist groß, insbesondere zieht der Großraum Manila junge Leute aus allen Provinzen an, die in ihrer neuen Umgebung kein typisches Tagalog mehr sprechen lernen, sondern ein Umgangsfilipino. Durch Besuche zu Hause und durch moderne Kommunikation (Mobiltelefon) wird dieses Filipino in die Provinzen gebracht.

Diese Effekte kompetent zu erfassen, ist sehr kompliziert und aufwändig. Der Verfasser lebt in einem Umfeld, das gewisse - wenn auch beschränkte - Allgemeingültigkeit besitzt. Lipa, Batangas gehört zum Tagalogsprachgebiet. Wir haben näheren Kontakt zu Personen, die aus Batangas (Sprache: Tagalog), Manila (Tagalog), Ilokos (Ilokano) und Bohol (Sebuano) kommen, d.h. dort geboren und aufgewachsen sind. Alle sprechen ein mehr oder weniger gleiches Filipino mit leichten dialektbedingten Unterschieden, das wir als eine Umgangshochsprache Filipino bezeichnen können. Die aus anderen Provinzen zugewanderten Personen sprechen zusätzlich noch ihre eigene Sprache, ausgeprägter, wenn sie mit ihrer Verwandtschaft in den Provinzen telefonieren und schwächer, wenn sie hier mit Leuten aus ihrer Provinz reden.

Das schließt nicht aus, dass es noch Einflüsse von Tagalogdialekten gibt. So wird z.B. häufig ein ..-i an bestimmte Wörter angehängt. Oder es werden unterschiedliche Wörter bevorzugt, wie in in der Provinz Batangas Patungong palẹngke, in Manila Sa palẹngke ('Zum Markt' auf Verkehrsschildern).

Erhebliche Auffassungsunterschiede bestehen in der philippinischen Gesellschaft über die Zukunft der filipinischen Sprache. Allgemein wird festgestellt, dass die Englischkenntnisse der Filipinos nicht ausreichend seien, um dem Land eine gute Zukunft in einer globalisierten Welt zu sichern. Von einflussreichen Kreisen wird daraus geschlossen, dass Englisch an Stelle einer eigenen Landessprache treten soll. Der Wert der Muttersprache als Grundlage für alles Lernen und als wichtiger Beitrag zum Erfolg wird dabei nicht gesehen. Siehe unseren Aufsatz 'Sprache und Gesellschaft der Philippinen' {W Gesellschaft}.

In der philippinischen Verfassung ist vorgesehen, andere philippinischen Sprachen zur Entwicklung des Filipino heranzuziehen. Wir haben nahezu keine Ansätze in diese Richtung gefunden.


1-1.5 Syntax als Thema unserer Studien

(1) Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, ist, einige wichtige Merkmale der filipinischen Sprache zu betrachten, ohne sie im Vergleich zu europäischen Sprachen zu sehen. Auf den Gebieten der Phonologie und Morphologie ist die Eigenständigkeit der filipinischen Sprache (mit Gemeinsamkeiten innerhalb der austronesischen Sprachfamilie) deutlich erkennbar und unumstritten. In der Lexikologie ist die Thematik der spanischen, chinesischen und englischen Fremdwörter deutlich sichtbar.

Anders auf dem Gebiet der Syntax. Wir haben kaum Arbeiten gefunden, die die filipinische Syntax aus der eigenen Sprache her entwickeln. Vielmehr werden häufig Ansätze der indoeuropäischen Syntax {*} (der klassischen Sprachen und der zwei Kolonialsprachen der Philippinen) zur Beschreibung der filipinischen Syntax übernommen. Dabei wird wenig darauf geachtet, ob diese Ansätze in vollem Maße den Eigenheiten dieser Sprache Rechnung tragen. Deshalb erschien es uns sinnvoll, unsere Studie der filipinischen Syntax zu widmen. Hinzu kommt, dass in der morphologisch formenarmen filipinischen Sprache der Syntax eine besondere Bedeutung zukommt.

{*} Wir verzichten auf eine wissenschaftlich genaue Definition von indoeuropäischen Sprachen (und verwenden manchmal europäische Sprachen als Synonym dafür). In den Philippinen und damit für unsere Studien sind nur Spanisch, Englisch und in sehr beschränktem Maße Latein, Französisch und Deutsch relevant.

(2) Die besonderen Beziehungen zwischen Syntax und Morphologie in der filipinischen Sprache haben uns veranlasst, viele morphologische Betrachtungen in die Kapitel der Syntax aufzunehmen. Die Beschränkung auf die Syntax der filipinischen Sprache hat zur Folge, dass andere Aspekte dieser Sprache nicht oder nicht ausführlich behandelt werden. Wegen der Verbindungen zwischen Syntax und Phonologie wird letztere in einem Kapitel {14} betrachtet. In einem kurzen Kapitel {15} werden allgemeine morphologische Fragen behandelt.

(3) In den Mittelpunkt unserer Überlegungen haben wir das gesprochene und geschriebene Wort der Filipinos gesetzt. In erster Linie haben wir versucht (und führen dies weiter fort), Daten zu sammeln und zu ordnen. Unser Ziel ist es, ein vollständiges und konsistentes Bild der filipinischen Syntax zu erstellen {1A-151 Θ}. Vollständig heißt, dass jeder gesprochene oder geschriebene Satz in dieses Bild passt. Konsistenz (Widerspruchsfreiheit, katatagạn) ist eine Selbstverständlichkeit für den professionellen Wissenschaftler, bedarf jedoch regelmäßig besonderer Aufmerksamkeit in den Philippinen. Vollständigkeit und Konsistenz sind aber auch Ziel in einem weiteren Sinn. Ein solches Abbild der Syntax muss gleichzeitig geeignet sein, mit allen Bereichen vom Kindergartenbuch bis zur linguistischen Publikation verträglich zu sein.

Bei unserem Versuch, die filipinische Syntax zu beschreiben und zu erklären, haben wir danach gestrebt, deren eigenständigen Grundzüge zu finden. Vom geschriebenen und gesprochenen Wort kommend, sind wir empirisch vorgegangen. Wir haben nicht versucht, die filipinische Syntax in international gebräuchliche linguistische Modelle einzupassen. Vielmehr kann sich erst aus dem Ergebnis von Analysen wie unseren ergeben, ob und wo diese Modelle für das Verständnis der filipinischen Syntax anwendbar sind.

Aus diesem Ansatz folgen einige methodologische Eigenheiten, die wir in unserer Arbeit angewandt haben {1A-152}.

(4) Wenn wir von der Syntax der filipinischen Sprache sprechen, setzen wir stillschweigend voraus, dass es genügend syntaktische Gemeinsamkeiten der philippinischen Sprachen und Dialekte gibt, um einen solchen Ansatz zu rechtfertigen. Diese Frage wird gegenstandslos, wenn man Filipino als ein landesweites Tagalog ansieht, was der heutigen Praxis entspricht. Um eine weitergehende Antwort zu suchen, erscheint es uns erforderlich, zunächst allgemein akzeptierte Strukturmodelle für Filipino und die anderen philippinischen Sprachen zu entwickeln {1-7 (2)}. Dann erst kann mit Hilfe dieser Modelle die Syntax der verschiedenen Sprachen verglichen werden. Trotzdem sehen wir bereits jetzt einige Zeichen, die zeigen, dass viele syntaktische Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Von vielen Autoren werden die Unterschiede der verschiedenen philippinischen Sprachen und Dialekte hervorgehoben (statt von Wikang Filipino wird heute häufig von Mga Wika sa Pilipinas gesprochen), aber wir haben dort keine oder nur unerhebliche Hinweise auf Unterschiede in der Syntax gefunden. Ein weiterer Zeuge ist die Arbeit von { Kroeger 1991}, in der sich an verschiedenen Stellen Aussagen wie 'in Tagalog, and in Philippine languages generally' finden.

Betrachtungen zur filipinischen Sprache: "Warum und für wen ist diese Arbeit geschrieben?" {W Betrachtungen 1.2}


1-1.6 Fremdsprachliche Einflüsse in der filipinischen Sprache

(1) In der philippinischen Gesellschaft ist der ausländische Einfluss sehr stark, vermutlich stärker als in jedem anderen Land vergleichbarer Größe. Die spanische Kolonisation hat die katholische Religion und ein Stück europäischer Zivilisation in die Philippinen gebracht. Während der anschließenden Kolonialzeit unter den Vereinigten Staaten erhielten die Philippinen ein kapitalistisches Wirtschaftssystem und ein auf der englischen Sprache basierendes Schulsystem. Die koloniale Einflussnahme wurde dadurch erleichtert, dass die philippinische Gesellschaft nur wenig eigenständige Elemente entwickelt hat. Spanisch und später Amerikanisch ergänzten nicht etwa eine philippinische Kultur. Das Ausländische wurde stets als überlegen betrachtet, und das nicht nur auf den Gebieten, wo die Kolonialmacht entsprechende Kompetenz besaß. Der Filipino wurde kaum gezwungen, ausländisch zu werden; sein Denken (und seine zumeist schlechte Erfahrung im eigenen Land) sagt ihm, dass er sich nur entwickeln kann, wenn er sich weitgehend an ausländischen Lebens- und Denkgewohnheiten orientiert. Davon ausgehend, sollte man vermuten, dass die Kolonialsprachen Spanisch und Englisch die indigenen Sprachen erheblich beeinflusst haben. Dies ist jedoch - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur auf dem Gebiet des Wortschatzes geschehen.

(2) Es ist verständlich, dass die Kolonialmächte mit ihren Innovationen, die sie in den Philippinen einführten, auch die entsprechenden sprachlichen Begriffe importierten, und diese in die indigenen Sprachen integriert wurden (kurọs, tinidọr, tịsyu). Zusätzlich wurden jedoch ausländische Wörter übernommen, um althergebrachte Begriffe zu ersetzen. So wurde der philippinische Tisch hapạg durch den spanischen Tisch mesa, lamesa ersetzt, aber auch Wörter für Basisbegriffe wurden verändert, ohne dass irgendeine Änderung ihrer Bedeutung eintat (tungo - puntạ, bahạghari - rainbow). So besitzt heute die filipinische Sprache Tausende von spanischen Lehnwörtern; und ebenso sind Tausende von amerikanisch-englischen Wörtern übernommen worden, zu denen täglich neue kommen. Diese ausländischen Wörter werden als Sprachbrocken übernommen, ein Bezug zur Morphologie und Syntax in der Ursprungssprache geht regelmäßig verloren (kumustạ, istạmbay).

Für viele dieser ausländischen Wörter wurde deren ursprüngliche Phonologie nicht übernommen {14-2.6}. Für die spanischen Lehnwörter ist dies nicht erstaunlich, da sie oft nicht gelehrt, sondern von den Filipinos aufgeschnappt wurden. Anders ist die Situation bei den englischen Übernahmen. Obwohl amerikanisches Englisch seit über hundert Jahren das wichtigste Schulfach in den Philippinen ist, sind Einflüsse einer englischen Phonetik und Phonologie recht begrenzt geblieben. Häufig wird das ausländische orthografische Wortbild filipinisch ausgesprochen. Diese Assimilation an indigene Phonetik und Phonologie ist mit Sicherheit keine bewusste Domestizierung der fremdländischen Begriffe, sondern vermutlich eine Folge fehlender Fremdsprachenkenntnisse und mangelnder Kontakte zu Ausländern.

(3) Der Einfluss der spanischen Sprache auf die filipinische Morphologie ist sehr beschränkt geblieben {15-2.4}. Beispiele wie pakialamero, karinderyạ sind eher als Ausnahme zu sehen. Ein entsprechender Einfluss der englischen Sprache ist überhaupt nicht zu sehen; vermutlich sind filipinische und englische Morphologie zu weit voneinander entfernt.

(4) Spanisch und auch Englisch haben die filipinische Syntax nur wenig beeinflusst. Entsprechend dem spanischen und englischen Satzbau mit der Reihenfolge Subjekt - Prädikat wurden Versuche unternommen, diese Form als Regelsatzbau in die filipinische Sprache einzuführen. Dies erschien erfolgversprechend, da auch die filipinische Sprache diesen Satzbau (nichtkanonische Reihenfolge) kennt. Trotzdem können diese Versuche als gescheitert betrachtet werden. Der in den Schulen gebräuchliche westliche Stil hat außerhalb der Schule Schrift- und Umgangssprache fast nicht beeinflusst. Ein weiteres Beispiel ist die Komparation der Adjektive. Das spanische Wort mas hat die indigenen Wörter lalo, higit und labis weitgehend verdrängt, aber deren Syntax beibehalten. Das in der filipinischen Sprache auffallend häufige Auftreten englischer Einsprengsel ('Taglish') zeigt kaum einen Einfluss auf den filipinischen Satzbau {13-6.2}.


1-1.7 Filipinische Fachausdrücke

Beim Studium der Literatur haben wir häufig sehr treffende Fachausdrücke in filipinischer Sprache gefunden. Dies hat uns so beeindruckt, dass wir filipinischen Fachaudrücken Vorrang gegeben haben vor lateinischen, spanischen oder englischen Lehn- und Fremdwörtern. Es erschien uns auch konsequent, in einer Arbeit, deren endgültige Sprache Filipino ist, so viel wie möglich filipinische Fachausdrücke zu verwenden. Diese Fachausdrücke wurden von uns so weit wie möglich beibehalten. Für eine große Anzahl war dies möglich, ohne wesentliche Änderungen von Definition und Bedeutung vornehmen zu müssen. An den Stellen, wo wir deutliche Abweichungen zwischen Fachliteratur und unserer Darstellung gefunden haben, haben wir diese entsprechend ihrer Bedeutung herausgearbeitet und sind dabei zwangsläufig neue Wege gegangen und haben Bedeutungsänderungen an vorhandenen Fachausdrücken vorgenommen. Eine weitere Gruppe von Fachausdrücken haben wir neu geprägt. Diese neuen Begriffe sind als vorläufig zu verstehen und können und sollten jederzeit durch treffendere ersetzt werden. Eine Anzahl in der Literatur gefundener Fachausdrücke war für unsere Darstellung nicht erforderlich oder nicht geeignet. Wir haben in einem Anhang Talatawagan {W Talatawagan} versucht, Fachausdrücke zusammenzustellen. Dort wird auf eine Definition in den entsprechenden Abschnitten unserer Syntax verwiesen, und die neuen Bezeichnungen sind mit F Gr gekennzeichnet.

Zur Verwendung internationaler Fachausdrücke in der philippinischen Linguistik {1A-171 }.


1-2 Phrasen im filipinischen Satz

In der Sprache möchten wir unsere Gedanken ausdrücken. Einen vollständigen Gedanken bezeichnen wir als einen Satz (pangungusap). Ein Satz besteht aus Phrasen ({1A-201}, parirala). Eine Phrase besitzt ein Inhaltswort oder eine Phrase als Kernwort und kann weitere Wörter und untergeordnete Phrasen enthalten [1-4].

 
[1]Masayạ || akọ. Ich bin froh.
[2]Masayạ || ang kaibigan | ko. Mein Freund ist froh.
[3]Kahapon || pumuntạ | sa Lipạ || ang kaibigan | ko. Gestern ging mein Freund nach Lipa.
[4]Sa kusina || niluluto | ni Nanay || ang hapunan. In der Küche kocht Mutter das Abendessen.

Einem Großteil dieser Phrasen werden in der filipinischen Sprache Kurzwörter (wie ay, ang, ng, sa oder nang) vorangestellt. Diese Kurzwörter werden verwendet, um die Art der Phrase anzuzeigen. Wir bezeichnen diese Kurzwörter als Bestimmungswörter {11-2.1}. Der Gebrauch dieser Bestimmungswörter am Phrasenanfang ist charakteristisch für die filipinische Sprache. Die -ng/na Ligatur zählen wir ebenfalls zu den Bestimmungswörtern. Wir stellen dies an folgendem Satz [5] dar (ausführlich in {13-3}).

 
[5]Wal pa ring imịk ang doktọr na nakaup lamang sa tabị ng ataọl, katabị ang kapatịd niyạng si Diana na napatigil sa pag-aayos ng mga nagdatingạng korona mul sa mga pịnsan at dating katrabaho ng kanyạng inạ. {W Suyuan 5.2}.
Der Doktor hatte bis jetzt noch geschwiegen und saß still neben dem Sarg, neben seiner Schwester Diana, die aufgehört hatte, die Kränze gut anzuordnen, die von Verwandten und Kollegen ihrer (verstorbenen) Mutter angekommen waren.
Analyse eines Mustersatzes {1A-202 Σ}.

Diese Bestimmungswörter ay, ang, sa, ng, nang sind keine Präpositionen. Man kann sie entfernt mit dem Kasussystem von indoeuropäischen Sprachen vergleichen {1A-521 Θ}. Aber der Gebrauch der Bestimmungswörter ist nicht auf Nomina beschränkt.

Wir haben damit Funktionsphrasen für die filipinische Sprache eingeführt {1-6.1} und entsprechende Bezeichnungen gewählt {1A-203}. In den folgenden Abschnitten legen wir dar, warum wir zu diesen, von der konventionellen Grammatik abweichenden Ergebnissen gekommen sind.



Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/filipino/sy_ugnay_1.htm
12. April 2010 / 05. Oktober 2013

Die filipinische Sprache - Ende 1 Grundzüge der filipinischen Syntax (Datei 1/1)

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