In den nachfolgenden Abschnitten betrachten wir den Gebrauch der verschiedenen Zeitformen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Frage, ob und wann die Formen als Tempus oder Aspekt verwendet werden. Zu diesem Zweck haben wir die Verwendung der Zeitformen in einem Romankapitel und in einer Kurzgeschichte untersucht {7A-621}. Die Ergebnisse werden in den nächsten Abschnitten verwendet. Eine Zusammenfassung zu Tempus und Aspekt findet sich in {7-6.2.6 Θ}.
Wir möchten darauf hinweisen, das wir diese Flexionsformen aus praktischen Gründen als Zeitformen und mit Tempusbegriffen bezeichnen, ohne entscheiden zu wollen, ob Verwendung als Tempus oder Aspekt vorliegt. Abschnitt {7-6.2.6 Θ} zeigt jedoch, dass dies mit einer gewissen Berechtigung geschieht.
Die bei weitem häufigste Verwendung der Formen des Präteritum ist, wenn Vorgänge in der Vergangenheit abgeschlossen sind [1] (Tempus Vergangenheit und perfektiver Aspekt). Ebenfalls, aber seltener, wird das Präteritum verwendet, wenn Vorgänge in der Vergangenheit betrachtet werden, die nicht abgeschlossen sind [2-5] (Tempus Vergangenheit und imperfektiver Aspekt). Dies ist besonders dann der Fall, wenn ein temporales Adverb zusätzlich die Vergangenheit anzeigt [3 4a 5b]. In Satz [6] wird eine Tätigkeit beschrieben, die sich in der Vergangenheit oft wiederholt hat; hier liegt die Betonung darauf, dass die Tätigkeit nicht mehr stattfindet (iterativer Aspekt in der Vergangenheit).
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Die Formen des Präsens werden verwendet, wenn ein Vorgang jetzt stattfindet und noch nicht abgeschlossen ist [1]. Für Vorgänge, die in der Vergangenheit regelmäßig wiederholt wurden und in der Zukunft wiederholt werden sollen, werden ebenfalls die Präsensformen verwendet [2]. Ähnliches gilt, wenn die wiederholten Tätigkeiten nicht mehr stattfinden [3 4] Weiterhin können die Präsensformen verwendet werden, wenn Tätigkeiten im Rahmen einer Geschichte in der Vergangenheit liegen, aber damals noch nicht abgeschlossen sind [5a 6] (Tempus Vergangenheit und imperfektiver Aspekt). Die Verwendung eines temporalen Adverbs der Vergangenheit macht jedoch diese Konstruktion wenig grammatikalisch [5b]. In Satz [4] steht das Adverb araw-araw im Vordergrund, zu dem die Präsensform zur Beschreibung eines iterativen Aspektes gehört. In den Sätzen [7 8] zeigt die Form natutulog das Tempus Gegenwart an, während die Adverbien na und pa zusätzlich Aspekt realisieren.
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Die Formen des Futur werden verwendet, wenn Vorgänge noch nicht stattgefunden haben [1 2] (Tempus Zukunft und kontemplativer Aspekt). Satz [3] besitzt ein "relatives" Tempus Zukunft in der Vergangenheit. In [4-6] wird die Futurform verwendet, um eine irreale bzw. beschränkt reale Aussage in der Vergangenheit zu machen. Es ist möglich, eine Futurform statt des Infinitivs zu verwendenen [2] {10-4.1 *}.
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(1) Der Infinitiv kann als eine Zeitform betrachtet werden, die verwendet wird, wenn der genaue Ablauf bezüglich Tempus oder Aspekt nicht wichtig ist. Er beschreibt dann eine allgemeine Zeit des "Irgendwann, jederzeit" [1 2] {7-6.2.5}. Weitgehend ist die Verwendung des Infinitivs durch grammatische Regeln vorgegeben {*}; nur in wenigen Fällen hat der Sprecher semantisch eine Wahl [1].
{*} Damit unterscheidet sich der Infinitiv syntaktisch von den drei anderen Zeitformen. Morphologisch besteht kein prinzipieller Unterschied, da auch die anderen Zeitformen keine Person-Numerus-Flexion besitzen.In Aufforderungssätzen steht der Infinitiv [3] {13-2.2.5}; eine morphologisch abweichende Form des Imperativs (pautọs) besteht nicht. Nahezu regelmäßig wird der Infinitiv mit Potenzialadverbien verwendet, auch hier kann von einer "Irgendwann, jederzeit" Beziehung gesprochen werden [4 5] {10-4.1 (2)}. Eine besondere Anwendung des Infinitivs ist bei dem untergeordneten Verb von verbundenen Verben [6] {7-7.5}.
Des weiteren steht der Infinitiv in folgenden Konstruktionen:
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(2) {Θ} Die vielseitige Verwendung des Infinitivs, die oft syntaktisch erzwungen wird, erschwert die Einordnung in ein Tempus-Aspekt-Schema. In Satz [1] ist die Festlegung auf eine bestimmte Zeit nicht erforderlich; der Infintiv kann hier semantisch frei gewählt werden. In zwei Anwendungen, in Imperativsätzen [3] und mit einigen Potenzialadverbien [4], zeigt der Infinitiv kontemplative Tätigkeiten in der Zukunft an. Andere Potenzialadverbien betonen "Jederzeit" bzw. kontemplativ-iterativen Aspekt [5]. Bei verbundenen Verben wird der Infinitiv verwendet, um die Unterordnung des zweiten Verbs anzuzeigen [6]; zeitliche und aspektale Zuordnung sind in diesen Fällen nicht möglich. Einige der mit dem Infinitiv verbundenen Konjunktionen zeigen kontemplative Tätigkeiten in der Zukunft an [9], bei anderen Konjunktionen und bei Existenzwörtern [8] besteht keine sichtbare Verbindung zu einem bestimmten Tempus oder Aspekt. Die Konjunktion pagkatapos (ursprünglich ein perfektives Gerundium) drückt bereits Tempus und Aspekt aus, so dass diese Anzeige beim Verb entfällt [10]. In Sätzen wie [2 7] wird der Infinitiv verwendet, um sich wiederholende Tätigkeiten darzustellen, die in Vergangenheit und Zukunft ablaufen.
(1) Eine Besonderheit der filipinischen Sprache ist, dass der Infinitiv in der Syntax
einer Zeitform verwendet werden kann, wenn der zeitliche Ablauf unwichtig ist
[1a|b 2-5]. Eine besondere Anwendung des Infinitivs als Zeitform "Irgendwann,
jederzeit" ist, wenn das Verb mit einem adverbial gebrauchten Adjektiv zu einer
Einheit verbunden ist, die eine Fähigkeit, Gewohnheit, Eigenschaft o.Ä. ausdrückt
[6a 7 8a]. In dieser Einheit stellt
das Verb keine akute, sondern eine sich wiederholende Tätigkeit dar, das Weglassen des
Adjektivs nimmt dem Satz seinen Sinn [6a|9] {7A-6251
}.
Das Besondere an diesen Konstruktionen ist, dass sie in der Regel keine Ligatur besitzen
[6a 7 8a], in Sätzen mit Subjektinterklit wird jedoch gern eine Ligatur gesetzt [8b]. In
bestimmten Fällen sind Sätze mit Infinitiv ungrammatikalisch, während ein entsprechender
Satz mit einer anderen Zeitform akzeptiert wird {7A-6252}. In Satz [5] wird der Infinitiv als Prädikat in einem
Ligatursatz verwendet, da der zeitliche Ablauf nicht wichtig ist.
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(2) Wenn der Täter eines Aktivverbs nicht ausgedrückt zu werden braucht, wird die Konstruktion mit Infinitiv ähnlich der mit Gerundium [10a|b 11a|b 12a|b], wobei erstere etwas bevorzugt wird.
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(1) Als Zusammenfassung der vorigen Abschnitte möchten wir abschließend betrachten, ob
und wann die Zeitformen der Verben (wenn sie eine globale Wirkung im Satz besitzen)
zur Beschreibung von Tempus oder Aspekt verwendet
werden {7A-6261
}. Die Zeitformen und deren Verwendung (soweit sie festgelegt
ist) gehören zu den Bereichen Morphologie bzw. Syntax. Demgegenüber sind Tempus und Aspekt
Fragen der Semantik. Wir verwenden die folgenden Begriffe:
| Zeitformen | Präteritum - Präsens - Futur - Infinitiv |
| Tempus | Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft - Irgendwann/Jederzeit |
| Aspekt | Perfektiv - Imperfektiv - Iterativ {*} - Kontemplativ |
{*} Iterativer Aspekt wird i.A. als Sonderform des Imperfektiv betrachtet.
(2) Aus den Tabellen der vorigen Abschnitte sind folgende Grundbeziehungen ersichtlich.
(3) Trotz des prinzipiellen Unterschiedes der Betrachtungsweisen von Tempus und Aspekt ist festzustellen, dass in der übergroßen Zahl der Fälle kein Unterschied zwischen beiden besteht. Das ist dann der Fall, wenn Tätigkeiten in der Vergangenheit abgeschlossen wurden, wenn Tätigkeiten zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch andauern und wenn Tätigkeiten bis jetzt noch nicht begonnen wurden [1-3]. Nur dann besteht ein Unterschied, wenn ausgedrückt werden soll, dass ein Vorgang zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen oder noch nicht begonnen war [4 5]. Hinzu kommen die (wenig wahrscheinlichen) Fälle, dass genau im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Tätigkeit abgeschlossen oder begonnen wird [6 7]. Weiterhin besteht die Möglichkeit, dass für eine noch nicht begonnene Tätigkeit deren Andauern oder Abschluss dargestellt werden soll [8 9]. Häufiger kommen die Fälle [4 5 8 9] in zusammengesetzten Sätzen vor, bei denen der eine Teilsatz den Betrachtungszeitpunkt festlegt, und der andere eine Tätigkeit mit dazu relativem Aspekt darstellt.
| Zeitpunkt bzw.Tempus | Aspekt | ||
| Kein Unterschied zwischen Tempus und Aspekt | |||
| [1] | Vergangenheit | Perfektiv | |
| [2] | Gegenwart | Imperfektiv | |
| [3] | Zukunft | Kontemplativ | |
| Unterschied zwischen Tempus und Aspekt | |||
| [4] | Vergangenheit | Imperfektiv | |
| [5] | Vergangenheit | Kontemplativ | |
| [6] | Gegenwart | Perfektiv (Abschluss) | |
| [7] | Gegenwart | Kontemplativ (Beginn) | |
| [8] | Zukunft | Imperfektiv | |
| [9] | Zukunft | Perfektiv | |
(4) Diesen neun Tempus-Aspekt-Beziehungen stehen nur vier
Zeitformen gegenüber, den Infinitiv eingerechnet. Zusätzlich müssen sich
wiederholende und gewohnheitsmäßige Tätigkeiten (iterativer oder habituativer Aspekt)
beschrieben werden können, bei denen sowohl Tempus und Aspekt der Einzeltätigkeit von
untergeordneter Bedeutung sind. Wie die Beispiele in den vorigen Abschnitten zeigen,
sind Mehrfachverwendungen unvermeidbar, um alle Beziehungen ausdrücken zu können.
Adverbien werden zu Hilfe genommen, um diese Ausdrücke getrennt vornehmen zu können.
Temporale Adverbien können das Tempusgewicht verstärken und den Aspekt zurücktreten
lassen, während die Adverbien na und
pa Aspektfestlegungen ermöglichen
(wir bezeichnen sie daher als aspektale Adverbien, vgl. na als
'perfective aspectual particle' bei
{
Kroeger 1991 p. 238}) {10-2.1.1}. Ein eine bestimmte Zeit bezeichnendes temporales Adverb
erzwingt die Verwendung der dem Tempus entsprechenden Form. Nur in zusammengesetzten
Sätzen mit mehreren Verben bestehen zusätzliche Möglichkeiten, Tempus und Aspekt
getrennt darzustellen.
Eine zusätzliche Form in der filipinischen Sprache ist das Katatapos, das eine besondere perfektive Vergangenheit des "gerade eben geschehen" bezeichnet (und mit na inkompatibel ist) {7-6.6}.
(5) Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Zeitformen der filipinischen Verben zur Darstellung von Tempus und Aspekt verwendet werden. Ergänzend dazu treten Adverbien und ähnliche Konstruktionen, um eine Trennung vorzunehmen. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass es verblose Sätze gibt, in denen eine Tempus- oder Aspektanzeige beim Verb ausgeschlossen ist. Gleiches gilt, wenn der flexionslose Wortstamm des Verbes statt einer Zeitform verwendet wird. Hinzu kommt, dass syntaktische Gründe (z.B. bei verbundenen Verben {7-7.5}) die Verwendung des Infinitivs erfordern können, so dass auch hier eine Tempus- oder Aspektanzeige nicht vorgenommen werden kann. Tempus und insbesondere auch Aspekt können also in der filipinischen Sprache mit Hilfe von Verbformen nur unvollkommen dargestellt werden, und diese Begriffe können nicht auf Verben beschränkt werden {10-2.1.1}. Für Verben ziehen wir für die morphologischen Formen die Bezeichnungen der Zeitformen vor. Dabei ist jedoch im Auge zu behalten, dass sie vom Tempus abweichende Aspekte darstellen können.
Wir möchten an dieser Stelle wiederholen, dass die Verben der filipinischen Sprache vier Zeitformen besitzen, eine davon ist der Infinitiv. Hinzu kommen bei Aktivverben die nicht verbal verwendeten Gerundien als weitere Flexionsformen. Ein flexionsloser Infinitiv, der sich prinzipiell von anderen Zeitformen unterscheidet, besteht nicht. Der Wortstamm, der statt einer Zeitform verwendet werden kann {7-6.3}, ist keine flexionslose Form, sondern eine Verkürzung, die die Affigierung abgelegt hat.
Tempus und Aspekt bei Partizipien {7-6.4.4 Θ}.
(1) An Stelle der Zeitformen kann der Wortstamm ohne Affixe
verwendet werden (Schlüssel {X/VA..}, wenn ein
Aktivverb ersetzt wird und {X/VP..} für ein
Passivverb) {7A-631 Θ}. In der
Schriftsprache
ist der Gebrauch des Wortstammes
statt einer Zeitform weitgehend auf -in Passivverben beschränkt [1 2]. In der
Umgangssprache
wird diese Verkürzung zum Wortstamm
sehr häufig vorgenommen, neben -in Passivverben werden auch Aktivverben der
Gruppen -um- und ma- verkürzt [3 4]. Besonders zu erwähnen sind hier
aktive Imperativsätze [5b 6b 10b 12b]. In Satz [7b], der der unteren Umgangssprache
angehört, ist das Subjekt durch ein Objunkt ersetzt. Wie [5c] zeigt, kann die Verwendung
des Wortstammes Beschränkungen unterliegen. Zusammen mit direkter Rede wird häufig der
Wortstamm als verkürzte Verbform verwendet [8] {13-2.3.3}. Die Verwendung des Wortstammes als Zeitform wird nicht
vorgenommen, wenn der Wortstamm ein gegenständliches Substantiv ist [9b]. Da von diesen
Stämmen häufig mag- Verben gebildet werden, können die Zeitformen dieser Verben
nicht verkürzt werden (Ausnahme [10b]). Eine Liste von Verben, bei denen der Wortstamm
eine Zeitform ersetzen kann, befindet sich im Anhang {7A-632}.
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(2) Die verkürzte Form wird nicht verwendet, wenn der zeitliche Ablauf deutlich gemacht werden soll. Die Personalpronomen ka und ikạw zeigen einige Besonderheiten, wenn sie mit dem Wortstamm ohne Affixe verwendet werden {6A-411 (2)}. Häufig ist eine eindeutige Abgrenzung nicht möglich, ob das Stammwort eine Verbform ist oder es sich um ein Substantiv handelt {7A-634}. Partizipien sind morphologisch Verbformen und können daher im Prinzip durch den Wortstamm ersetzt werden. Aus Gründen der semantischen Deutlichkeit kann davon jedoch nur selten Gebrauch gemacht werden. In diesen Fällen ist eine Abgrenzung zwischen Verbform oder Substantiv nahezu unmöglich [11a|b]. Zwischen verkürzter Verbform und Adjektiv besteht im Allgemeinen ein deutlicher Unterschied [12|13].
| Die filipinische Sprache von Armin Möller http://www.germanlipa.de/filipino/sy_V_06.htm 15. April 2010 |