6 Verben und Verbphrasen

6-1 Einleitung

(1) Die filipinischen Verben (pandiwa) besitzen ein deutlich ausgeprägtes Flexionsparadigma bezüglich Tempus bzw. Aspekt (banghạy, 'aspect inflection'). Vereinfachend nennen wir die Verbformen der Flexion Zeitformen. Wegen dieser Flexion können Verben von anderen morphologischen Wortarten unterschieden werden {6-1.1 Θ}. Person- und Numerusflexion bestehen nicht {6-1.2 Θ}. Es gibt keine unterschiedlichen Modi (panagano), ein Konjunktiv (pasakali) wird durch Adverbien oder Konjunktionen realisiert (der Ausdruck Indikativ paturọl wird von uns nicht verwendet). Genera (katinigan) werden deutlich durch Affixe unterschieden. In der Regel gibt es mehreren Aktiv- und Passivverben in einer Wortfamilie, die dann jeweils ihre eigene Flexion besitzen.

Verben sind Inhaltswörter. Alle filipinischen Verben sind Vollverben mit semantischem Inhalt, die einen Zustand, einen Prozess oder eine Tätigkeit ausdrücken.

Auffallend ist die große morphologische Diversität der filipinischen Verben. Mit dieser werden nicht nur Aktiv und Passiv realisiert, sondern auch Art des Passiv und die Modalität der Verben. Die einzelnen morphologischen Gruppen besitzen häufig eine syntaktische Grundfunktion. Wir betrachen diese morphologische Einteilung jedoch nur als eine der vier wichtigen für die Verben in der filipinischen Sprache.

(2) Filipinische Verben können nach verschiedenen Kriterien in Gruppen eingeteilt werden:

Mit anderen Worten können wir sagen, dass die Argumentstruktur das syntaktische Gerüst beschreibt, Fokus und Funktion den semantischen Inhalt, während Affigierung die sprachliche Darstellung des Verbs ist. Wir betrachten für jedes Verb diese Einteilung getrennt, morphologische und syntaktische Verbgruppen sind - von Ausnahmen abgesehen - eindeutig festzulegen, diese Eigenschaften sind in unserem Schlüsselsystem enthalten. Ebenso haben wir die Fokusklassen dort aufgenommen, während die semantische Einteilung nach Modalität weniger eindeutig ist.

Ein Schwerpunkt unserer Betrachtungen über die filipinischen Verben ist, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der entsprechenden Gruppen in den verschiedenen Kategorien deutlich zu machen {6A-101}. Einige grundsätzliche Gedanken über die Funktion der Verbaffixe in der filipinischen Sprache finden sich in Abschnitten {6-4.1 Θ} und {6-4.2 Θ}, während die Einzeldarstellung der Verbgruppen in Kapitel {7} entsprechend ihrer Affigierung vorgenommen wird, da nur so eine eindeutige und zweifelsfreie Zuordnung möglich ist.

Eine Sonderstellung nehmen die Verben des Stammes bilị ein, die wir gesondert {6A-103} behandeln und als atypisch betrachten.

(3) Bildet ein Verb das Prädikat oder Subjekt des Satzes, so bezeichnen wir die dem Verb zugeordneten Phrasen als Argumente {6-2.2}. Das Verb übt in diesen Fällen eine globale Wirkung im Satz aus {2-4.3}. Ist eines der Argumente des Verbes wiederum ein Verb, sprechen wir von verbundenen Verben {6-7.5}.

Daneben führen wir den Begriff Partizip in einer syntaktischen Bedeutung ein {6-6.4}. Unter Partizipien verstehen wir Zeitformen der Verben, die ihre globale Wirkung im Satz abgelegt haben. Somit besteht kein morphologischer Unterschied zwischen Zeitformen und Partizipien {6A-102 Θ}. Filipinische Partizipien bilden also keine morphologische Klasse, sondern üben besondere syntaktische Funktionen aus. Neben diesen syntaktischen Partizipien gibt es möglicherweise morphologische Ableitungen von Verben, die wir als besondere Partizipien bezeichnen {6-6.4.5}.

Morphologisch sind filipinische Gerundien abgeleitete Verbformen, stehen jedoch syntaktisch und semantisch den Substantiven viel näher als den Verben {6-6.5}.

(4) Vollständige Sätze können ohne Verben gebildet werden {2-1 (2)}; die Verbphrase ist in der filipinischen Sprache eine morphologische Phrase und besitzt keine syntaktische Vorrangstellung im Satz {6-7}.

Die Modalwörter wie gustọ sind keine Verben, da sie keine Flexion besitzen. Wir ordnen sie als Potenzialadverbien dieser Wortart zu {10-4.1}.

(5) {Θ} Die filipinische Sprache bevorzugt Sätze mit Verben. Damit im Zusammenhang steht die Bevorzugung der kanonischen Reihenfolge Prädikat - Subjekt {13-2.1.1 (2) Θ}. Außerdem werden Zustandsverben bevorzugt an Stelle von Adjektiven in Aussage- und Imperativsätzen verwendet. Dies geschieht nicht nur, um einen zeitlichen Zusammenhang darzustellen. Verkürzte Verbformen, die wie Adjektive keinen zeitlichen Zusammenhang darstellen können, werden ebenfalls gegenüber Adjektiven bevorzugt. Weiterhin wird die Zeitform eines Verbs (oder der Infinitiv) häufig dem Gerundium vorgezogen, dass syntaktisch ein Nomen ist. Auch ist der zwingende Gebrauch von Verben mit bago (und weniger ausgeprägt mit pagkatapos) zu erwähnen {13-5.2.3}, ebenso die Bildung von uneigentlichen mag- Verben {7-1.3 (1)} und der aktiven magka- Verben {7-8.1}.


6-1.1 Θ Verben aus theoretischer Sicht

(1) Wir möchten im Folgenden unsere Vorgehensweise bezüglich der Definition der filipinischen Verben aus theoretisch-systematischer Sicht darstellen. Wir haben in der filipinischen Sprache eine große Klasse affigierter Wörter gefunden, die sehr gut in gleichartige Paradigmen passen. Die Vollständigkeit und Regelmäßigkeit dieser Paradigmen war Anlass, diese Wörter als morphologische Wortart Verb zu klassifizieren {*}. Unterstützend hat dazu beigetragen, dass semantisch diese Paradigmen als Flexion bezüglich Tempus bzw. Aspekt identifiziert werden können. Wörter, die ein solches Paradigma nicht voll ausfüllen, aber sonst gut dazu passen, haben wir hinzugefügt (paki- Verbformen {7-9.2}). Entsprechend ihrer Affigierung lassen sich die Verben in morphologische Verbgruppen ordnen.

{*} Dabei ist für uns entscheidend die Gleichförmigkeit der Paradigmen. Nicht relevant ist, ob die dabei angewandten morphologischen Methoden (Affigierung und Silbendoppelung) verbspezifisch sind oder ob einzelne Formen aus den Paradigmen zusätzlich als Nicht-Verben verwendet werden.
Die verbalen Affixe (in der Literatur werden sie auch Fokus- oder Ausrichtungsaffixe genannt) sind keine besondere Klasse. Die meisten von ihnen werden erst durch das Flexionsparadigma zu verbalen Affixen, während sie in anderem Zusammenhang ohne Flexion für Nicht-Verben verwendet werden (Beispiele: magdamạg, itaạs, palayan).

(2) Andererseits haben wir festgestellt, dass eine Unterklasse der Verben eine globale Wirkung im Satz besitzt {2-4.3}. Diese Unterklasse besitzt keine morphologischen Besonderheiten (z.B. Person- und Numerusflexion {6-1.2 Θ}), was wir als eine besondere Eigenschaft der filipinischen Sprache betrachten. Zwischen morphologischen Verbgruppen und der Syntax der Verben (mit globaler Wirkung) haben wir einen Zusammenhang gefunden, der unter Zuhilfenahme von semantischem Verständnis eine Einteilung in zwei Unterklassen der Verben erlaubt, die als Aktiv und Passiv bezeichnet werden können. Dabei sind wir auf ein Problem gestoßen, das wir - nach unserer Meinung - ausreichend erklärt haben (fließender Übergang {6-2.4}).

Syntax der Verben und semantisches Verständnis haben eine zusätzliche Einteilung in Unterklassen von Aktiv und Passiv ermöglicht, die als Fokus der Verben und Funktion der Argumente bezeichnet wird. Ebenfalls semantisches Verständnis war der Hauptgrund, Verben entsprechend ihrer Modalität einzuteilen. Es besteht eine weitgehende Korrelation zwischen Modalität und morphologischen Verbgruppen.

Die Restklasse der Verben, die keine globale Wirkung entfalten, hat uns zur Einführung von Partizipien veranlasst. Diese Unterklasse besitzt keine besonderen morphologischen Merkmale, von denen sie sich von den Verben mit globaler Wirkung unterscheiden würde {6-1.2 Θ (2)}.

(3) Eine Synthese von morphologischen und syntaktischen Verbgruppen wird von uns nicht vorgenommen. Wir haben zu viele Unebenheiten gefunden, um eine solche Synthese vornehmen zu können (Beispiele magbayad - bayaran, isarạ - sarhạn, tawagin - tawagan). So stehen bei uns morphologische Verbgruppen neben syntaktischen Verbgruppen. Jedes einzelne Verb gehört einer dieser morphologischen und einer dieser syntaktischen Gruppen an. Aber wir sind nur in wenigen Fällen so weit gekommen, ganze morphologische Gruppen bestimmten syntaktischen Gruppen zuzurechnen.


6-1.2 Θ Beschränkte Flexion der Verben

(1) In der filipinischen Sprache werden Personalpronomen und in beschränktem Maße Demonstrativpronomen in einem Person-Numerus-Paradigma gebildet. Hingegen fehlt diese Flexion bei Verben völlig; es kann davon ausgegangen werden, dass die filipinischen Sprache grundsätzlich keine Person-Numerus-Flexion besitzt (und nicht, dass Flexionsformen im Zuge einer Sprachvereinfachung weggefallen sind) {*}. Diese Besonderheit der Sprache hat weitreichende Folgen für ihre Grammatik.

{*}   Als eine Art Fremdkörper erscheinen bei dieser Betrachtung die Pluralverben {7-8.5}. Sie werden nur als Aktivverben gebildet; sie werden in der Schriftsprache nur sehr beschränkt verwendet (wir haben sie in unserem Werkstatt-Korpus nur sechsmal gefunden, zum Vergleich: 31-mal Verben mit dem Stamm bigạy), und in der Umgangssprache kommen sie praktisch nicht vor. Außerdem sind sie keine finiten Verbformen, sondern Verben mit eigenständiger Tempusflexion.

(2) Durch die fehlende Person-Numerus-Flexion wird eine morphologische Gleichheit von Zeitformen in Prädikat und Subjekt und Partizipien ermöglicht oder zumindest vereinfacht. Um diese Zeitformen und Partizipien syntaktisch zu unterscheiden, führen wir für Verben in Prädikat und Subjekt den Begriff der globalen Wirkung des Verbs ein {2-4.3}. Die morphologische Gleichheit von globaler Zeitform und Partizip ermöglicht einen fließenden Übergang zwischen attributiv verwendeten Partizipien und Ligatursätzen, in denen eine globale Zeitform des Verbs steht. Dies ist einer der Gründe, von einer einheitlichen Ligatur in der filipinischen Sprache zu sprechen {11A-401 }.

Da alle Zeitformen keine Person-Numerus-Flexion besitzen, fehlt diesbezüglich ein Unterschied zwischen Zeitformen und Infinitiv (alle diese Formen sind 'infinit' {6-6 (1)}). Daher bildet in der filipinischen Sprache der Infinitiv alternativ zu den echten Zeitformen eine Art vierte Zeitform des "Irgendwann, jederzeit".

(3) Das Fehlen einer Person-Numerus-Flexion bei Verben mindert die Bedeutung dieser Merkmale in der filipinischen Sprache. Es ist daher keine Besonderheit, dass auch in verblosen Sätzen dem Prädikat bzw. Subjekt diese Merkmale weitgehend fehlen. Eine weitere Folge ist, dass es in Verbindung mit Verben keine Person- und Numeruskongruenz geben kann, was wiederum zur Folge hat, dass das Prinzip der Kongruenz von grammatischen Merkmalen in der filipinischen Sprache nur von untergeordneter Bedeutung ist {13-4.3 Θ}.

Da es es keine Person- und Numeruskongruenz für Verben gibt, stellt sich nicht die Frage, zu welchem Argument eine solche Kongruenz bestehen sollte (etwa Subjekt oder Täter).


6-2 Syntaktische Verbgruppen

6-2.1 Aktiv und Passiv

(1) Wir beginnen eine syntaktische Klassifizierung mit den Begriffen Aktiv und Passiv (tahasan und balintiyạk, katinigan = 'genus verbi', Diathese, {6A-211 }). Mit Aktiv bezeichnen wir im Prinzip Konstruktionen, bei denen der Täter das Subjekt des Satzes ist. Mit Passiv bezeichnen wir die Konstruktionen, bei denen ein Nicht-Täter das Subjekt ist. Auf die Einführung eines dritten Genus Stativ verzichten wir {6A-212 Θ}. Die Klassifizierung in Aktiv und Passiv ist möglich, wenn es zu dem Verb ein Subjekt im Satz gibt.

{Θ} Wir lassen offen, ob eine Einteilung in zwei (oder drei) Genera dem Wesen der filipinischen Sprache entspricht. Möglicherweise sollten ausschließlich der Begriff Fokus und die entsprechenden Einteilungen verwendet werden und die Begriffe Aktiv und Passiv vermieden werden {6-3}. Andererseits rechtfertigt möglicherweise die besondere Beziehung der Gerundien zu den Aktivverben eine Einteilung in Genera {6-4.2.2 Θ}.

In der filipinischen Sprache gibt es keinen deutlichen syntaktischen Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Alle Verben besitzen Affixe, und es gibt keinen prinzipiellen morphologischen Unterschied zwischen Aktiv- und Passivaffixen. Trotzdem sind die zwei Genera gut zu unterscheiden (mit einem fließenden Übergang, siehe {6-2.4}). Dies wird dadurch erreicht, dass alle Verben, die eine bestimmte Affixkombination besitzen, entweder Aktiv- oder Passivverben sind. Dies soll an einem Beispiel erläutert werden. Die Sätze [1 2] sind syntaktisch gleich; die Semantik bestimmt, welcher Aktiv und welcher Passiv ist.

 
[1]Kumain ng kanin ang bata. Das Kind hat den Reis gegessen.{VA10}
[2]Kinain ng bata ang kanin. Das Kind hat den Reis gegessen.{VP10}

Weiterhin gibt es keine offensichtlichen phono-morphologischen Gründe, das Affix -um- dem Aktiv und das Affix -in dem Passiv zuzuordnen. Andererseits sind nicht nur einige -um- Verben, sondern alle -um- Verben Aktivverben und alle -in Verben Passivverben. Es ist nicht deutlich einsichtig, warum das Affix -um- Aktivverben markiert und -in Passivverben. Die einmal vorhandene Markierung wird jedoch auf alle Wortfamilien angewandt und wird dadurch zu einer eindeutigen Markierung (in Affixkombinationen kann diese Grundregel modifiziert werden, siehe {6-4}).

(2) Passivkonstruktionen sind weder syntaktisch noch morphologisch komplizierter als entsprechende Aktivkonstruktionen. Trotz Gleichwertigkeit von Aktiv und Passiv gibt es eine bemerkenswerte Abweichung: Gerundien besitzen eine deutliche Zuordnung zu den Aktivverben, jedoch keine zu Passivverben {6-4.2.2 Θ}.

Semantisch zieht die filipinische Sprache regelmäßig das Passiv vor {6A-213}. Aktivverben werden hauptsächlich dann verwendet, wenn bestimmte Gründe dafür vorliegen:

 
[3]Kumain ka na bạ? Hast du schon gegessen? {VA00}
[4][a] Anọ ang ginagaw ni Ana? [b] Nagluluto siyạ. [c] Nagluluto siyạ ng hapunan. [d] Niluluto niya ang hapunan. Was macht Ana. Sie kocht [das Abendessen]. (Satz [4d] ist grammatikalisch, aber semantisch keine Antwort auf die Frage [4a].) {VA00}
{VA10}
[5][a] Iniinọm ko ang kapẹ. Ich trinke den Kaffee. [b] Iniinọm ko itọ. Ich trinke dies (ihn). [c] Gusto kong inumin ang kahit ano. Ich möchte irgend etwas trinken. (Als Subjekt besitzt das Getränk Bestimmtheit. Daher kann kahit ano, etwas Unbestimmtes, nicht zum Subjekt werden.) {VP10}
[6][a] Umiinọm akọ ng kapẹ. Ich trinke (irgendwelchen) Kaffee. [b] Gustọ kong uminọm ng kahit anọ. Ich möchte irgend etwas trinken. [c] Umiinọm akọ nito. Ich trinke dies (ihn). (Als Objunkt ist das Getränk unbestimmt. Ein Ersatz durch nito (Demonstrativpronomen mit Bestimmtheit) in [6c] verändert die Semantik.){VA10}
[7]Sino ang uminọm ng kapẹ? Wer hat den Kaffee getrunken? (Die Frage nach dem Täter schreibt diesen Satztyp mit Aktivverb vor.){VA10}
[8]Nakita ko ang batang pinalo ng mama. Ich habe das Kind gesehen, das der Mann geschlagen hat. {VP10}
[9]Nakita ko ang mamang pumalo ng bata. Ich habe den Mann gesehen, der das Kind geschlagen hat. {VA10}

(3) Aktiv und Passiv sind ausschließlich syntaktische Kategorien. In vielen Passivsätzen ist das Tatobjekt das Subjekt und der Täter ein Objunkt (Fokus {VP../fp}). Trotzdem ist in der Regel der Täter in einem Aktivsatz (Subjekt) semantisch weniger aktiv (di-masikap) als der syntaktisch passive Täter in Passivsätzen [10|11 12|13] { Nolasco 2006 p. 7}. In beiden Beispielpaaren ist es die Bestimmtheit des Subjektes ang librọ bzw. ang ilog, die den Passivsatz semantisch aktiver macht als der Aktivsatz mit nicht im Fokus stehender Phrase (Objunkt ng librọ bzw. dem Satz zugehöriges Adjunkt sa ilog) ist. Im Beispiel [12|13] kommt noch hinzu, dass -um- Verben häufig als semantisch weniger aktiv empfunden werden als mag- oder -in Verben {7-1}.

 
[10]Nagbasạ siyạ ng librọ. (kaunting pagbasa lang) "Er las ein bisschen im Buch herum." {VA10}
[11]Binasa niyạ ang librọ. (buong libro) "Er hat das ganze Buch gelesen."{VP10}
[12]Lumangọy siyạ sa ilog. (kaunting paglangoy) "Er schwamm ein bisschen im Fluss herum." {VA00}
[13]Nilangọy niyạ ang ilog. (maraming paglangoy sa buong ilog) "Er hat den Fluss beschwommen."{VP10}

6-2.2 Argumente der Verben

(1) Bildet das Verb den Kern des Prädikates, so stehen Subjekt, Objunkt-, Adjunkt- und Subjunktphrasen in besonderer Beziehung zum Verb {6A-221 Θ}. Das Verb besitzt dann eine globale Wirkung im Satz {2-4.3}. Wir bezeichnen diese dem Verb zugeordneten Phrasen als Argumente des Verbs (kawani ng pandiwa). Dies gilt ebenfalls, wenn in Interklitkonstruktionen Argumente Alleinwörter und nicht länger Phrasen sind {11-6.9 Θ (3)}.

Objunkte, Adjunkte und Subjunkte sind Bestandteil der Verbphrase, während das Subjekt außerhalb dieser steht {*}. Diese Festlegung ist keineswegs zwingend und bedarf näherer Begründung.

{*} Argument ist ein semantischer Begriff und bezeichnet eine zum Verständnis notwendige Phrase. Demgegenüber ist ein Attribut ein syntaktischer Bestandteil einer Phrase {1-6.2 (2)}. Das Subjekt ist ein Argument des Verbs, obwohl es nicht Bestandteil der Verbphrase und daher kein Attribut ist. Andererseits können Adverbien Attribute des Verbs sein, ohne dass sie Argumente sind.

Mit dieser Definition des Attributes weichen wir bewusst von der in der deutschen Grammatik verwendeten Definition ab. Das Fehlen der Verbalsatzstruktur mit ihren Satzgliedern in der filipinischen Sprache erfordert eine andere Betrachtung,in der wir als Attribut jeden syntaktischen Bestandteil einer Phrase - also auch der Verbphrase - betrachten.

(2) Wir betrachten zunächst den Regelfall eines dem Verb zugeordneten Objunktes. Von einer Ausnahmeregel abgesehen (siehe Ende dieses Absatzes), steht das Objunkt nach dem Verb [1], eine Plazierung vor dem Verb ist in vielen Fällen ungrammatikalisch [2a|b 3a|b]. Diese Feststellung ist mit dem Gedanken der enklitischen Eigenschaft der Objunkte nur zu vereinbaren, wenn man die Objunkte der Verbphrase zuordnet. Als unabhängiger Teil des Satzes könnte das Objunkt ng kaibigan ko durchaus als zweite Phrase im Satz stehen (in Sätzen [2b 3b] dem Adverb biglạ oder hindị folgen). Diese Regeln gelten nicht, wenn das Objunkt aus einem Pronomen besteht [4]. Wir begründen damit die besondere Satzform des Objunktinterklits {11-6.5}; eine mit dem Interklit vergleichbare Konstruktion ist der Interpotenzial [5] {10-4.1.1}

 
[1]Nakita ng kaibigan ko ang guro natin sa palẹngke. Meine Freundin sah unseren Lehrer auf dem Markt.
[2][a] Biglạng nakita ng kaibigan ko ang guro natin. [b] Bigla ng kaibigan kong nakita ang guro natin. Plötzlich sah meine Freundin unseren Lehrer.
[3][a] Hind nakita ng kaibigan ko ang guro natin sa palẹngke. [b] Hindi ng kaibigan ko nakita ang guro natin. Meine Freundin sah unseren Lehrer nicht auf dem Markt.
[4]Hind ko nakita ang guro natin sa palẹngke. Ich sah unseren Lehrer nicht auf dem Markt.
[5]Puwede ng gurong basahin ang Intsịk. Der Lehrer kann Chinesisch lesen.
Fettdruck = Zugeordnetes Objunkt. Unterstreichung = Verb.

(3) Entsprechende Überlegungen für eine dem Verb zugeordnete Adjunktphrase sind komplizierter. Adjunktphrasen sind nicht enklitisch und können auch am Satzbeginn stehen [8a 10a 12].

 
[6][a] Pupuntạ akọ sa palẹngke. [b] Pupunta ako. Ich werde zum Markt gehen.
[7][a] Tutulong akọ sa iyọ. [b] Tutulungan kitạ. Ich werde dir helfen.
[8][a] Sa mga tudlịng nilạ itatanịm ang maịs. [b] Tatamnạn nilạ ng maịs ang mga tudlịng. In die Furchen werden sie den Mais pflanzen.
[9][a] Biglạ pumuntạ sa palẹngke ang kapatịd ko. [b] Bigla sa palengke pumunta ang kapatid ko. Plötzlich ging mein Bruder auf den Markt.
[10][a] Sa umaga nag-aalmusạl ang mga bata. [b] Nag-aalmusạl ang mga bata sa umaga. Morgens frühstücken die Kinder.
[11]Makakausap silạ ukol sa kanyạng mga sinusulat. Sie werden über das sprechen können, was sie schreibt. [{13A-5213 Σ}]
[12]Tungkọl sa kọtse nag-away kamị. Wir haben uns über Autos gestritten.
Fettdruck = Argument des Verbs. Unterstreichung = Unabhängige Phrase.

(4) Bezüglich der Reihenfolge von Objunkten und Adjunkten gibt es wenig feste Regeln. Kurze Phrasen kommen in der Regel vor längeren. Wenn die Phrasen etwa gleichlang sind, gilt im Allgemeinen die Reihenfolge Objunkt(e) - Adjunkt - Subjekt [13]. Feste Regeln gelten, wenn dem Verb enklitische ANG- oder NG-Pronomen folgen {**}, diese müssen unmittelbar hinter dem Verb stehen [14-17] {8-4.1 (4)}. Dies gilt auch für das Subjekt [15]. Einsilbige Pronomen kommen vor zweisilbigen [15 17]; bei zwei zweisilbigen Pronomen kommt Objunkt vor Subjekt ([16], jedoch {11-3.3 [10]}).

{**}   Bildet ein SA-Pronomen ein Argument, so besitzt es stets das Bestimmungswort sa.
 
[13]Ibinigạy ni Lola sa kanyạng apo ang pera. Großvater hat seinem Enkel Geld gegeben. {P-C} - {P-A} - {P-S}
[14]Bigyạn mo ng pera si Lolo. Gib Großvater Geld.{P-C} - {P-C} - {P-S}
[15]Bigyạn mo akọ ng pera. Gib mir Geld.{P-C} - {P-S} - {P-C}
[16]Binabati namin kayọ ng isạng maligayang buhay may-asawa. Wir wünschen euch alles Gute zur Hochzeit. {P-C} - {P-S} - {P-C}
[17]Binabati ka namin ng isạng maligayang buhay may-asawa. Wir wünschen dir alles Gute zur Hochzeit.{P-S} - {P-C} - {P-C}

Unter den verschiedenen Argumenten sind Objunkte dem Verb enger verbunden als Adjunkte. Anzeichen dafür sind:

(5) Dem Verb können Nominalphrasen zugeordnet sein, die als Subjunkte mit oder ohne Ligatur angeschlossen werden {6-7.4}; diese Subjunkte sind regelmäßig als Argumente zu betrachten [18a]. Satz [18b] ohne Subjunkt gibt semamtisch keinen Sinn.

 
[18][a] Gustọ kong magịng mahusay na doktọr. [b] Gusto kong maging. Ich möchte ein guter Arzt werden.

(6) In unserer Darstellung ist die Eigenschaft, Argument zu sein, nicht durch bestimmte formale syntaktische Strukturen (z.B. ausschließlich Subjekt und Objunkt) definiert. Wir glauben, dass eine Betrachtung, die den Begriff des Argumentes weiter fasst, der filipinischen Sprache angemessen ist {6A-222 }. Wir vermeiden Begriffe wie 'transititives, intransitives, bitransitives' Verb.

Bisher haben wir in diesem Abschnitt nur Verben in einfachen Sätzen betrachtet. Dann sind die Argumente Phrasen, die durch ihre Bestimmungswörter eindeutig festgelegt sind. In zusammengesetzten Sätzen können Argumente des Verbs des übergeordneten Satzes durch Teilsätze ersetzt werden. Da diese Teilsätze in der Regel nicht mit dem der Argumentphrase entsprechenden Bestimmungswort eingeleitet werden, ist nur noch indirekt sichtbar, welches Argument durch den Teilsatz ersetzt worden ist (Subjekt bzw. Prädikat {2-4.9}, Objunkt {3-2.3}, Adjunkt {4-4.4}). Trotzdem betrachten wir diese Teilsätze als Argumente und ordnen ihnen gegebenenfalls auch Fokus und Funktion zu.


6-2.3 Argumentstruktur

(1) In unserer Betrachtung ist die Zahl und Art der Argumente, die ein Verb besitzt, die wichtigste syntaktische Eigenschaft des Verbs. Wir bezeichnen sie als Argumentstruktur des Verbs (kayariạn ng kawanị). Wenn man von der Problematik der Zuordnung von Adjunkten absieht, besitzt jedes Verb mit globaler Wirkung in einem bestimmten Satz eine eindeutig feststellbare Argumentstruktur. Daher ist sie in unserem Schlüsselsystem die syntaktische Klassifizierung der Verben.

Zunächst unterscheiden wir zwischen Aktiv- und Passivverben mit Schlüssel {VA..} und {VP..} [1 2]. Verben in subjektlosen Sätzen erhalten den Schlüssel {V..} [3-7]. Anschließend fügen wir die Zahl der dem Verb zugeordneten Objunkte (erste Ziffer) und der Adjunkte (zweite Ziffer) hinzu. Dabei stellen wir die aktuelle syntaktische Situation dar. Weicht diese von der üblichen Argumentstruktur des Verbs ab, so kann letztere zugefügt werden ([4-7] rechte Spalte). In einigen Fällen sind Subjunktphrasen Argumente von Verben [7]; in unserem Schlüsselsystem wird die Zahl dieser Subjunkte als dritte Ziffer zugefügt.

 
[1]Siyạ ang nagluluto ng aming pagkain. Sie kocht das Essen für uns. {VA10/fa|fp)}
[2]Paghainin mo ng pagkain si Nanay. Bitte Mutter, das Essen zu servieren.{VP20/fa|fi|fp}
[3]Umuulạn na. Es regnet. {V00/f0}
[4]Pakiabọt ng bote. Gib mir bitte die Flasche. {V10/f0|fp}{V10/f0|fp//VP10}
[5]Gustọ kong uminọm ng kapẹ. Ich möchte Kaffe trinken.{V20/f0|ft|fp}{V20/f0|ft|fp//VA10}
[6]Kasusulat ko lang ng isạng kuwento. Ich habe gerade eben eine Geschichte geschrieben. {6-6.6} {VT20/f0|fa|fp}{VT20/f0|fa|fp//VA10}
[7]Gustọ kong magịng mahusay na doktọr. Ich möchte ein guter Arzt werden.{V101/
f0|fa|P-L}
{V101/f0|fa|P-L//
VA001}

(2) Definitionsgemäß kann dem Verb nur ein Subjekt als Argument zugeordnet sein. Wir haben Verben mit bis zu drei Objunkten gefunden. Andererseits kommt - von begründbaren Ausnahmen abgesehen {6-3.3 [50]} - offenbar nur ein mit sa gebildetes Adjunkt als Argument vor. Hinzu können Präpositionalphrasen treten, die wir jedoch nicht als Argument betrachten (z.B. {7-4.1 [7]}). Die Gesamtzahl der Argumente ist vermutlich auf vier beschränkt.

(3) Die morphologische Realisierung des Verbs kommt in unserer Klassifizierung nicht vor, Syntax und Morphologie sind getrennt. Dies erscheint uns für eine morphosyntaktische Betrachtung von Vorteil, es können Relationen zwischen syntaktischer Gruppe und morphologischer Realisierung empirisch ermittelt werden. Eine Interpretation und weitergehende Analyse wird bei unserer Klassifikation nicht vorgenommen, sie ist nicht nötig. Andererseits kann möglicherweise diese Klassifikation zu einer Analyse beitragen. Dazu ein Beispiel:

Die morphologisch unterschiedlichen Verben awitin, buksạn und iayos besitzen die gleiche Argumentstruktur {VP10/fp|fa}. Andererseits gibt es in der morphologischen Gruppe der i- Verben nahezu alle verschiedenen Passivargumentstrukturen.

(4) Der fließende Übergang zwischen Aktiv und Passiv stellt ebenfalls eine Schwierigkeit für unsere Klassifizierung dar {6-2.4}. Dies betrachen wir jedoch nicht als Nachteil, da die Schwierigkeiten der Klassifizierung nur die Schwierigkeiten beim Verständnis dieses Übergangs widerspiegeln.


6-2.4 Übergang zwischen Aktiv und Passiv

(1) In der filipinischen Sprache besteht bei der Flexion der Verben kein prinzipieller Unterschied zwischen Aktiv und Passiv, beide Genera folgen den gleichen Regeln. Daher kann die Flexion nicht herangezogen werden, um eine Unterscheidung zwischen Aktiv- und Passivkonstruktionen zu machen. Diese wird dadurch vorgenommen, dass Affixe bzw. Affixkombinationen entweder Aktiv oder Passiv zugeordnet werden.

Von der Semantik aus betrachtet, gibt es Übergangssituationen zwischen Aktiv und Passiv. Ein Verursacher kann eine Tätigkeit auslösen ('Ich zünde das Holz an.') Der Ausführende der Tätigkeit kann als aktiv ('Das Holz brennt.') oder passiv ('Das Holz wird verbrannt.') betrachtet werden. Ähnliches gilt für Zustandsverben. Der Besitz oder das Erreichen eines Zustandes kann mit einer aktiven Tätigkeit verglichen werden, aber auch als ein passives Erdulden einer von einer höheren Gewalt verursachten Tat. In den europäischen Sprachen besteht eine deutliche syntaktische Trennung zwischen Aktiv und Passiv. Diese fehlt im Filipino, und so kann der semantisch fließende Übergang auch in der Syntax fließend bleiben.

(2) Verben im Übergangsbereich werden mit dem unbetonten Präfix ma-, mit betontem ma- und mit mapa- gebildet. Die ma- Aktivverben sind meist Zustandsverben und seltener Verben für zumeist einfache Tätigkeiten {7-1.1}, während die ma- Passivverben die Modalität der Fähigkeit besitzen {7-3.1}. Dazwischen finden sich Verben im Übergangsbereich, die Mehrzahl davon ohne Modalität. Bei den ma- und mapa- Verben überwiegen Passivverben mit der Modalität des Zufalls {7-3.5.1}, einige Aktivverben und Verben des Übergangsbereichs besitzen ebenfalls diese Modalität.

Beispielsätze [1 3] erlauben nicht zu sagen, ob sie Aktiv- oder Passivkonstruktionen sind, während Satz [2] mit dem gleichen Verb mahulog wie in [1] deutlich eine {VP10} Konstruktion ist. Wir kennzeichnen Sätze wie [1 3] mit {VA?VP}. In der deutschen Übersetzung macht das Hilfverb 'wurde' in Satz [3c] deutlich, dass dieser Satz im Passiv steht.

 
[1]Isạng lobo ang nahulog sa balọn na walạng tubig. {W Äsop 1} Ein Wolf fiel in einen Brunnen, der kein Wasser hatte. (Möglicherweise Passiv; ist geschehen, lobo ist kein Täter. Möglicherweise Aktiv; lobo ist der Täter.)
[2]Nahulog ko ang tinidọr. Ich habe die Gabel fallen lassen. (Passiv: Täter ist das Objunkt ko und nicht das Subjekt ang tinidor.)
[3]Naiyạk akọ sa pagkawal ng ibon. [a] Ich weinte über den Verlust des Vogels.[b] Der Verlust des Vogels hat mich zum Weinen gebracht. [c] Ich wurde durch den Verlust des Vogels zum Weinen gebracht. (Möglicherweise Aktiv; Subjekt ako ist Täter. Möglicherweise Passiv; Täter ist Adjunkt sa pagkawala.)

Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/filipino/sy_V_01.htm   21. November 2009 / 06. Oktober 2013

Die filipinische Sprache - Ende 6 Verben (Datei 6/01)

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