Wir lernen Filipino - Sprachkurs - Lektion 6

6.1 Kaunti lang ang nakita ko. Prädikat und Subjekt

In Lektion 3 haben wir das Subjekt vorgestellt. Als Subjekt haben wir in der Regel eine Person oder einen Gegenstand gewählt. Das war freundlich zu deutsch Denkenden, da es im Deutschen so ist. Unsere Beispiele sind gut und richtig, aber entsprechen nur der halben Wahrheit. Bei dem Prädikat in Lektion 5 haben wir bereits dargestellt, das es nicht nur mit Verben, sondern auch mit anderen Wörtern gebildet wird. In dieser Lektion befassen wir uns noch einmal mit Prädikat und Subjekt. Wir beginnen mit dem Subjekt und einer verschwundenen Mango.

Wer liebt nicht die wunderschönen Mangos in den Philippinen? Man freut sich also auf die letzte, von gestern übriggebliebene Mango, aber die ist weg. Erbost fragt man:

Sino ang kumain ng manggạ?  Wer hat die Mango gegessen?
Si Paola ang kumain ng manggạ.  Paula hat die Mango gegessen (das sagt natürlich nicht Paula).
Hind akọ ang kumain ng manggạ.  Ich habe die Mango nicht gegessen (das kommt von Paula).
Aso ang kumain ng manggạ.  Ein Hund hat die Mango gefressen (die diplomatische Antwort von Ryan).

Die Mango bleibt also weg. Stattdessen wenden wir uns wieder ang zu. In Lektion 3 haben wir gelernt, dass ang ein Scheinwerfer ist, der etwas Wichtiges beleuchtet. Dort waren es stets Dinge oder Personen, die angestrahlt wurden. Die obigen Sätze zeigen, dass in der filipinischen Sprache diese Scheinwerferfunktion nicht nur auf Dinge oder Personen beschränkt ist. In allen vier Sätzen wird die Tätigkeit kumain angestrahlt, das heißt in der Sprache der Grammatik: Das mit dem Bestimmungswort ang markierte Subjekt wird von einem Verb gebildet. Dazu weitere ähnliche Beispiele:

Sino ang mas magandạ?
  In dem filipinischen Satz, den wir sinngemäß mit 'Wer ist hübscher?' übersetzen, ist die Eigenschaft mas magandạ 'hübscher' das Subjekt.
Si Ligaya ang mas magandạ.  Ligaya ist die hübschere.
    
Sino ang nasa bahay?
  Deutsch übersetzt bedeutet das 'Wer ist im Haus?'. Das mit ang gekennzeichnete Subjekt ist eine Ortsangabe, eine Adjunktphrase, wie wir in Lektion 11 lernen werden.
Si Nene ang nasa bahay.  Nene ist im Haus.

Von diesen Beispielsätzen und denen in Lektion 3 haben wir zu lernen, dass im Filipino das Prädikat nicht nur von einer Tätigkeit und das Subjekt nicht nur von einem Ding oder Person gebildet werden, wie wir es vom Deutschen her gewohnt sind. Hier liegt das Problem. Deutsch ist unsere Muttersprache, und unser Denken hat sich darauf eingestellt. Vielleicht haben wir Fremdsprachen gelernt, die unser Sprachverständnis in dieser Sache bestätigt haben. Die von Deutschen gemeinhin gelernten Sprachen - vom Englisch bis hin zum Altgriechisch - sind eigentlich keine Fremdsprachen, sondern "Familiensprachen", da sie der gleichen indoeuropäischen Sprachfamilie angehören.

Nun kommt das Filipino, das auf den ersten Blick unserer Sprache viel ähnelt. Es verwendet die lateinischen Buchstaben und besitzt viele spanische und englische Fremdwörter. Aber ihrem Wesen nach ist diese Sprache unserem Sprachverständnis sehr fremd. Beim Prädikat fällt das nicht so sehr auf. Man muss im Deutschen bei Bedarf 'ist' zufügen und in Gegenrichtung weglassen. Das sollte uns stutzig machen, ist doch das kleine Wörtchen 'ist' das Verb, also für uns "der König des Satzes". Ist es nicht eigenartig, dass man beim Übersetzen seinen eigenen König aufgeben muss? Richtig "fremd" wird es beim Subjekt, da kann nicht gemogelt werden. Ein Nicht-Ding oder eine Nicht-Person ist für uns als Subjekt undenkbar (und wenn es bei uns in einem Satz wirklich kein passendes Ding gibt, fügen wir 'man' oder 'es' hinzu, um den Satz in Ordnung zu bringen). Nun gibt es kluge Leute, die sich nicht vorstellen können, dass Fremdsprachen ihrem Denken fremd sein können. Die "Fehler" des Filipino werden von ihnen dadurch behoben, dass man alles, was Subjekt ist, zum Substantiv macht und in Weiterführung dieser Logik ang zum Artikel 'der, die, das' der neugeschaffenen Substantive werden lässt. Das endet dann in Übersetzungen wie 'Wer ist derjenige, der die Mango gegessen hat?'.

Nun wollen wir nicht die filipinische Grammatik verdeutschen, um sie zu verstehen. Wir müssen also versuchen zu lernen, wie Filipinos denken und sprechen. Zunächst stellen wir fest, dass für sie kein großer Unterschied zwischen Dingen, Tätigkeiten und Eigenschaften besteht. Im Gegensatz zu unserem 'Ich tue.' denkt der Filipino mehr in Bildern, deren Inhalt Tätigkeiten, Dinge oder Eigenschaften sein können. Ein gesprochener Satz ist eine Verknüpfung von diesen Bildern. Dabei wird eine Ordnung eingehalten, so dass wir eines der Bilder Prädikat und ein anderes Subjekt nennen können, aber stets daran denken müssen, das wir im Filipino und im Deutschen gleiche Bezeichnungen für doch sehr unterschiedliche Dinge verwenden. Dann wird auch deutlich, dass wir filipinische Sätze nicht "grammatikalisch richtig" ins Deutsche übersetzen können. Was im Filipino selbstverständlich und damit grammatikalisch ist, ist für unser deutsches Sprachverständnis haarsträubend. Wir beschränken uns daher auf sinngemäß und inhaltlich richtige Übersetzungen, die nicht wortwörtlich sein können.

Dieses Denken und Sprechen in Bildern unterschiedlichen Inhaltes erlaubt, dass man Bilder tauschen kann und häufig auch muss. In Lektion 3 haben wir gesehen, dass das filipinische Subjekt, wenn es ein Gegenstand ist, stets bestimmt und vorhanden ist. Ist nun ein Bild verschwommen, unbestimmt und undeulich, so kann es nicht dem grellen Scheinwerferlicht des Subjektes ausgesetzt werden. Es muss aus dem Scheinwerferlicht genommen werden. Eine Möglichkeit, von der man gern Gebrauch macht, ist Prädikat und Subjekt zu tauschen. Das wollen wir an Beispielen sehen, die mit Geld zu tun haben, dessen ständiges Fehlen das Hauptgesprächsthema der Filipinos ist.

Wenn wir deutsch Denkenden gut Filipino sprechen wollen, müssen wir uns bei der Bildung eines Satzes als erstes fragen, ob es etwas Bestimmtes, Vorhandenes gibt, das sich als filipinisches Subjekt eignet. Oben haben wir gesehen, dass man Prädikat und Subjekt tauschen kann, um unliebsame Dinge aus dem Scheinwerferlicht nehmen zu können. Da die Tatsache der Bestimmtheit des Subjektes sehr wichtig ist, gibt es weitere Möglichkeiten, dieses Prinzip einzuhalten (eine davon in Lektion 10).


6.2 Sätze zum Lernen

Das Subjekt ist jeweils fett gedruckt.

Sino ang tumitirạ sa bahay na iyọn?  Wer wohnt in diesem Haus?
Tumitira ang kapatid ko sa bahay na iyọn. Mein (bestimmter) Bruder wohnt in diesem Haus.
Kapatịd ko ang tumitirạ sa bahay na iyọn. Mein Bruder (irgendeiner meiner Brüder) wohnt in diesem Haus.
Anọ ang kinakain mo?  Was isst du? (Etwas vereinfacht, können wir uns merken: 'Wer?' ist in Filipino Sino ang? und 'Was?' heißt Anọ ang?, beides kann verkürzt werden zu Anọng? oder Sinong?)
Wal ang kinakain ko.  Ich esse nichts.
Kinakain ko ang isạng manggạ.  Ich esse eine (bestimmte) Mango.
Sino ang magandạ? Sinong magandạ? Wer ist hübsch? (Letzteres Kurzform der Umgangssprache.)
Magandạ ang bata.  Das (dieses) Mädchen ist hübsch.
Sino ang nasa hardịn?  Wer ist im Garten?
Babae ang nasa hardin.  Irgendeine Frau ist im Garten.
Nasa hardịn ang babaeng dumatịng kanina.  Die Frau, die vorhin gekommen ist, ist im Garten.
Akọ ang nasa isip mo.  Ich bin in deinen Gedanken. (Satz stammt aus einem Schlagertext.)
Kambịng ang kumakain ng damọ.  Ziegen fressen Gras. (Hier ist Ziegen ein Gattungsbegriff, es sind keine bestimmten Ziegen gemeint.)

6.3 Grammatik

Zunächst ein paar Regeln der deutschen Grammatik, die wir als beinahe selbstverständlich betrachten:

Völlig davon abweichend sind die Regeln der filipinischen Grammatik:

Der vollständige filipinische Satz besteht aus Prädikat und Subjekt, hinzu können weniger wichtige unabhängige Phrasen kommen. Alle anderen Phrasen im Satz sind Bestandteile von Prädikat oder Subjekt.

Wir möchten auf die entsprechenden Abschnitte in unserer Syntax der filipinischen Sprache hinweisen.

Nachdem wir die Funktion von ang für die Anzeige des Subjektes und dessen Bestimmtheit in der filipinischen Sprache verstanden haben, ist auch das Missverständnis bezüglich 'der, die, das' geklärt. Das Bestimmungswort ang gehört zum Subjekt, das im Filipino stets etwas Bestimmtes beschreibt. Es steht in dieser Funktion nur einmal im Satz, da der Satz nur ein Subjekt haben kann. Die deutschen bestimmten Artikel 'der, die, das' und ihre Beugungsformen 'des, dem' usw. gehören zu Substantiven und können beliebig häufig in einem Satz verwendet werden. Sowohl ang als auch 'der, die, das' dienen zur Beschreibung von etwas Bestimmten, haben aber sehr unterschiedliche Plätze in der Grammatik der jeweiligen Sprache.



Die filipinische Sprache von Armin Möller   http://www.germanlipa.de/fil_lern/6.htm   25. Juli 2010 / 29. März 2011

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